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1 5 - 0 7 - 2 0 0 5 Romingers Qualen
Die Zeit, 27/2005
Der Schweizer Tony Rominger, bis 1997 erfolgreicher Teilnehmer der Tour de France, wurde einst von dem Arzt Michele Ferrari gecoacht. Wie hat der Betreuer, der inzwischen wegen Dopings verurteilt ist, aus Tony Rominger einen erfolgreichen Radrennfahrer gemacht? Vor fünf Jahren beobachtet Tony Rominger, bester Schweizer Radfahrer der letzten Jahrzehnte, Zweiter der Tour de France 1993 und zweifacher Weltmeister, wie in Presse und Fernsehen eine Jagd auf seinen alten Coach Michele Ferrari beginnt. Seit beim wichtigsten Radrennen des Jahres, der Tour de France, fast vollständig gedopte Teams entdeckt wurden, verdächtigt man den italienischen Sportarzt Ferrari der Entwicklung und Verbreitung einer Dopingsubstanz von unheimlicher Stärke. Ferrari soll, nur unterstützt durch seinen wissenschaftlichen Lehrer Francesco Conconi, der ganzen Sache des Sports geschadet haben wie niemand zuvor. Im vergangenen Herbst wurde Michele Ferrari schließlich von einem Gericht in Bologna verurteilt, wegen Sportbetrugs zu einem Jahr Haft auf Bewährung und zu einer Geldstrafe von 900 Euro. Ein zweiter Prozess gegen ihn wird bereits vorbereitet. Der erfolgreichste Radfahrer aus Ferraris Kundenkartei ist Lance Armstrong. Der Amerikaner wurde nie des Dopings überführt. Armstrong wird von diesem Samstag an versuchen, die Tour de France abermals zu gewinnen.
Armstrong hat seinen Arzt Michele Ferrari wiederholt verteidigt, hat ihn einen »Ehrenmann« genannt. Ferraris wichtigster nicht überführter Schüler neben Lance Armstrong ist Tony Rominger. Der Schweizer ist 1997 aus dem Radsport ausgestiegen, er ist heute 44 Jahre alt, arbeitet für einen Sportartikelhersteller. Er ist immer noch ein Idol in seinem Land. Doch den Aufzeichnungen zufolge, die im Frühsommer 2005 ein Dopingjäger, der nicht möchte, dass sein Name genannt wird, auf den Schreibtisch in einem Büro in Rom legt, war Rominger Zeuge, wie Ferrari mehr als jeder andere das Gesicht eines ganzen Sports veränderte und den Radrennen ihren modernen, radikalen Charakter gab. Wie hat der Betreuer Rominger beeinflusst, wie aus ihm einen erfolgreichen Radrennfahrer gemacht?
Zu Beginn des Treffens in Neuchâtel, seinem Arbeitsort, erklärt Rominger, über einige Fehlannahmen bei der Dopingbekämpfung sprechen zu wollen, weniger gern über Doktor Ferrari, in dessen Praxis dem Dopingjäger zufolge die Unterlagen über Rominger beschlagnahmt wurden. »Der arme Michele ist inzwischen fast schizophren. Man will ihn ja jetzt für alles, was passierte, verantwortlich machen.« Ferrari hat die Wirkung der Substanz Epo einmal mit der von Orangensaft verglichen. »Das war natürlich dumm von ihm«, sagt Rominger, »das konnte sehr missverstanden werden. Er wollte wohl auf die Verhältnismäßigkeit hinweisen. Wenn einige Leute täglich fünf Kilo Spaghetti essen und zehn Liter Saft trinken, ist das nach einigen Wochen auch gefährlicher als… Ich weiß gar nicht mehr, worum es damals genau ging.« Die Erforschung und dann die – laut Eidesschwur des Fahrers Filippo Simeoni – Verbreitung des menschlichen Hormons Erythropoietin, kurz Epo, zu sportlichen Zwecken durch den Mediziner Ferrari in Italien und später durch andere über die Landesgrenzen hinaus wurde von 1985 an möglich. Nachdem Epo in San Diego von Wissenschaftlern kloniert worden war – es sollte als Medikament Nierenpatienten helfen –, erkannten den Ermittlungen des Dopingfahnders zufolge Ferrari und sein Lehrer Conconi als Erste Epos vielversprechende Wirkung auf die Erhöhung von Sauerstoffversorgung und Ausdauerleistung im Spitzensport. In der Schweiz qualifizierte sich der Amateur Tony Rominger gerade durch mehrere Siege erstmals für internationale Radrennen. Die Wissenschaftler erkannten den Radsport als ideales Experimentierfeld. Bei steigender Geschwindigkeit kämpft der Radfahrer gegen überproportional steigende Belastungen seiner Muskelkraft und Ausdauer. Entgegengesetzt wirkende Windkraft führt Spitzenfahrer an die so genannte Wand, an der die Kosten jeder weiteren Tempoerhöhung ins Unermessliche steigen. Die größte Begeisterung aber haben immer gerade die seltenen Momente der Verschiebung dieser Mauer erzeugt. Der Radsport ist seit Beginn seiner Geschichte tief in Amateur- und Profilager gespalten. Als Eliteamateur sagt Tony Rominger sich 1985: Entweder du hast in einem Jahr einen Profivertrag oder hörst auf. Der Schwerpunkt des Profiradsports liege nicht im sportlichen, sondern im sozial-beruflichen Erfolg, urteilte 1927 der Deutsche Sportärztebund. Daher lasse sich »Doping im Profiradsport durchaus verteidigen«. Die Professionalisierung begünstigte die Anwendung leistungssteigernder Mittel. »Ich hatte Profi gewählt«, sagt Rominger. »Ich war ein Showman. Wer war wie viel mal auf der Zeitungstitelseite? Leistung bringen und dem Sponsor durch meine Präsenz zurückgeben, was er in mich investiert hat. Alles andere hat mich immer weniger interessiert.« 1886 fiel beim Radrennen Bordeaux–Paris der Engländer Linton vom Rad, tot, Aufputschmittel. »Es hat«, sagt Rominger, »bis heute noch immer wieder was Neues gegeben, oder?« 1950 bis 1980, die große Zeit der Amphetamine. Anabolika und Steroide kommen hinzu. »Unterhaltung – je brutaler, umso besser. Gibt’s einen Unterschied zwischen Gladiatorenkämpfen und Radrennen?« Bei den Olympischen Spielen 1960 sterben zwei Fahrer, Aufputschmittel. »Wir haben«, sagt Rominger, »die blutigen Spiele abgeschafft, aber die Menschen wollen unterhalten werden.« Das erste Dopingopfer der Tour de France stirbt am 13. Juli 1967, Tom Simpson. »Der Gladiator, der am meisten getötet hat, war der größte Held. Wenn du aus Freude Rad fahren möchtest, mach es neben der Arbeit nach 18 Uhr.« 1987 sitzt Tony Rominger in einem Trainingslager, »ich war 26, ich hatte im Jahr zuvor drei Siege erzielt, aber keine Vertragsverlängerung bekommen. Ein italienischer Sponsor gab mir eine Chance, ich kam im Januar in die Mannschaft, dann Langlauflager in den Dolomiten, ich saß da, im Nachhinein müsste man sagen, mit Depressionen. Ich sagte, ist das alles wirklich das, was du willst? Das war der schlimmste Moment, das war sehr nahe am Aufhören.« In diesem Lager lernt er den jungen Trainer Michele Ferrari kennen. Die Methode des Doktor Ferrari gliedert sich in drei Schritte Ferrari und Conconi haben, so die Einschätzung des Dopingjägers, damals als Erste die Notwendigkeit verstanden, Epo mit Eisenbeigaben zu kombinieren. Epo erhöht die Anzahl der roten Blutkörperchen und damit den Sauerstofftransport in die Muskeln, aber das Blut wird auch zäh, vor allem im Schlaf drückt es auf den Herzmuskel. Eisen aber verdünnt Blut, dieses Wissen war den Vermutungen zufolge der Grundstein für den Vorsprung der italienischen Ärzte. Erster Schritt der Methode Ferrari, wie sie sich dem Dopingjäger zufolge aus Erklärungen geständiger Fahrer kristallisiert: »Ferrari fragt: Sag mir deine Trainingsmethoden, Resultate, deine Ernährung.« Dann Blutanalysen. »Er sagt: Mit deiner Ausstattung könntest du unter bestimmten Bedingungen viel erreichen.« Phase zwei, »Ferrari gibt Nahrungszusätze. So lernt er den Charakter des Fahrers kennen. Wozu ist er bereit, wie groß ist seine Intelligenz, sein Hunger?« Ferrari kennt die Sportlerpsyche, er war Mittelstreckenläufer, Nationalteam. Er misst Rominger noch im Dolomiten-Lager aus, sagt ihm, seine Oberschenkel hätten die gleiche Hebelkraft wie die von Eddy Merckx. »An einem Abend«, sagt Rominger später, »ist er zu mir gekommen und hat gesagt: Du könntest ein ganz Großer werden. Er hat sonst nie Komplimente gemacht. Aber ich habe das auch nicht gebraucht.« Phase drei beginne, sagt der Dopingjäger, wenn Ferrari ganz sicher sei, dass der Fahrer unbedingt wolle und den Mund halte. Dann mache der Arzt, dessen Beiname »Mr. 10 Prozent« laute, den Vertrag, und er erhalte ein Zehntel aller künftigen Einnahmen. Wie hat Tony Rominger seinen Trainer und Arzt erlebt? »Was man jetzt hört, muss man sagen: Das war ja ein ganz schlimmer Kerl. Aber er ist lustig. Witzig. Wir haben sehr schöne Tage verbracht. Er hat mir alles beigebracht. Meine Fehler aufgedeckt. Ich hab mein Training radikal geändert. Er hat mir einen ganz speziellen Lenker gebaut. Er ging jeden Tag Material testen, stellte sich voll in diese Mission. Ich hab nur von ihm profitiert. Es gibt keinen Besseren.« Der Arzt beschreibt sich auf seiner Internet-Seite als Bildhauer, der seine Gefühle und Stimmungen zum Gesamtkunstwerk, dem Athleten, zusammensetzt. Die Blüte des italienischen Radsports beginnt Anfang der neunziger Jahre. 1990 stirbt der Fahrer Johannes Draaijer, ein Holländer, unsachgemäßer Epo-Gebrauch. In vielen Ländern versucht man nun den Vorsprung der italienischen Teams aufzuholen. Ergebnis sind etwa 20 »Eingeschlafene«, Radprofijargon für nachts an Herzstillstand gestorbene Fahrer bis Mitte der neunziger Jahre. Wissen um richtige Dosierung und Blutverdünnung spricht sich nur langsam herum. Bei großen Rundfahrten Anfang der neunziger Jahre gehen die Fahrer nachts in den Hotelgängen auf und ab, um ihre Blutzirkulation wieder in Gang zu bringen. Therapeutische Dosen des Hormons Epo werden um das Hundert- bis Zweihundertfache überschritten, ein zwanzigminütiger Kopfstand vor dem Einschlafen verringert den Hämatokritwert, den Anteil der roten Blutkörperchen, um bis zu drei Prozent. Später entdecken Epo-Nutzer Aspirin als Verdünnungsmittel. Viele werden aufgrund der Anfängerfehler mit späterem Nierenversagen kämpfen, heutige Dialysepatienten. Die meisten schweigen. Romingers Durchbruch ist die Vuelta d’Espagna 1992. Sieg. Er arbeitet hart, fährt pro Jahr 35 000 Kilometer. Er wird mehrmals Schweizer Sportler des Jahres. Er wird insgesamt dreimal die Vuelta gewinnen. Drei Etappensiege bei der Tour de France 1993, Zweiter hinter Miguel Indurain. Er wird einen Teamvertrag unterschreiben, der ihn zum bestbezahlten Schweizer Sportler der Geschichte macht. Sieben Millionen Franken für drei Jahre. Ferrari wird mit dem Mann, den er seinen »Meisterschüler« nennt, zweimal den Stundenweltrekord brechen. 22. Oktober 1994. Weltrekord. Romingers Hämatokritpegel weist laut den Unterlagen von 1989 bis 1996 regelmäßig Schwankungen von bis zu zwölf Prozent innerhalb weniger Monate auf. Der erste Wert liegt am 21. Oktober 1989 auf dem Level eines jungen, gesunden, im Ausdauersport trainierten Mannes, auf 38,8. Dem Dopingjäger zufolge war das Tony Romingers normales Hämatokritlevel. Die Werte steigen vor und während Wettkampfphasen auf 48,2. Auf 50. 52. 55,5. Klettern auf bis zu 56,5 gegen Ende seiner Karriere. Sinken in nicht wettkampfrelevanten Phasen, etwa auf 39,0 am 27. Februar 1992. Aus Sicht vieler Ärzte gibt es für so hohe Schwankungen keine natürliche Erklärung. Stattdessen gibt es Korrelationen hoher Werte mit wichtigen Rennphasen und Notizen über teilweise unglaubliche Mengen von Eisenbeigaben. Herr Rominger, warum haben in der Geschichte so viele gute Fahrer und Leistungssportler Dopingmittel genommen und tun das bis heute? »Jeder will das Beste aus sich herausholen. Als Leader ist dann alles extrem. 1994 hat das Team Mapei in mich sieben bis acht Millionen Franken investiert, sie haben meine ganze damalige Mannschaft gekauft, nur weil ich dort noch einen Vertrag hatte, Mapei aber unbedingt einen großen Fahrer wollte, der Rundfahrten gewinnen kann. Da ging es nur um mich. Das sind 70 bis 80 Leute. Da muss Leistung da sein. Da müssen Resultate kommen. Das Allermindeste: In einer der drei großen Rundfahrten aufs Podium, besser gewinnen, und dann Siege bei anderen Rennen. Da muss dir jeden Tag bewusst sein: Wenn du nicht vernünftig fährst, sind 70 arbeitslos.« Es gibt diesen Vorwurf der »EPOche«, die den Radsport für immer verändert hat. »Mit Epo kann der Unterschied auf eine Stunde eine Minute betragen, das ist wenig auf dem Papier. Eine Bergankunft über eine Stunde, und du bist eine Minute schneller, mit Unterstützung, das ist der Sieg.« Dem bekanntesten italienischen Dopingexperten Alessandro Donati zufolge, der die Strafverfolgungsbehörden im Prozess gegen Ferrari unterstützte, beträgt das steigernde Potenzial von Epo acht Stundenkilometer; das von Wachstumshormonen drei, von Testosteron sowie Steroiden vier. »Immer mehr Fahrer«, sagt Donati, »bewegen sich wegen der Veränderungen in dieser Ära heute an der ›Wand‹, immer außergewöhnlichere Kräfte werden nötig, um eine Zehntelsekunde schneller zu fahren. Die Pervertierung des Radsports durch Epo geschah im Vergleich zu anderen Mitteln schneller und effektiver.« Dem Dopingexperten zufolge haben bis zu 99 Prozent der Fahrer Epo genommen Rominger nimmt 1997 Abschied, an der Tour de France 1998, bei der nach Funden das Ausmaß des Epo-Gebrauchs offensichtlich wird, nimmt er nicht mehr als Fahrer teil. Er beobachtet den Skandal, aber versteht ihn nicht. »Auf einmal zieht sich ein Alex Zülle nackt aus, wird eingesperrt. Der Respekt vor dem Fahrer ist absolut nicht mehr gegeben. Bei Musikern gelten Drogen sogar als hip. Oder Kokain auf dem WC des Deutschen Bundestags!« Anforderungen wie die an den Sport werden Romingers Ansicht nach nirgendwo sonst erfüllt. Donati: »Es ist alles kaputt. Anfang der neunziger Jahre nahmen 90 bis 99 Prozent der Fahrer Epo. Es gibt keine Proportionen mehr. Aber davon abgesehen: Ein Fahrer soll im Jahr an 120 Rennen teilnehmen. Die Tour de France und der Giro dauern allein um 21 Tage. 21 Tage am Stück die höchste Leistung bringen, zu der ein Mensch fähig ist. Das ist krank. Ich verstehe das Publikum nicht. Wenn sie ihre Fahrer so lieben, warum dann nur, wenn sie siegen? Sie lieben sie nicht. Sie benutzen sie.« Herr Rominger, für einige Fahrer bedeutete Epo den Tod, für einige das Ende des Sports. Einige ehemalige Spitzenfahrer sagen, sie hätten sich dem verweigert und deshalb ihren Beruf aufgeben müssen. »Wenn gute Fahrer das sagen, nehme ich das zur Kenntnis. Es gibt jetzt viele Kleine, Frustrierte, die versuchen zu rechtfertigen, dass die Leistung bei ihnen nicht kam. Aber von guten Fahrern nehme ich diese Kritik an.« Einige sagen, es gebe eine Art Omertà, ein Gebot des Schweigens, zu dem Thema. »Besser wäre es, bei dem vielen Müll, den man sich anhören muss.« Es heißt, es gebe Strafmaßnahmen. Wer aussage, werde ausgeschlossen, ohne Chance auf einen Job in der Radgemeinschaft nach dem Ende seiner Zeit als Fahrer. »Ich würde mir das auch lieber nicht zumuten und sagen, dieser oder jener war gedopt. Beweisen kann ich’s nicht. Und es ist egal. Die jetzt kritisieren, ändern tun sie nichts. Helfen erst recht nicht. Wenn einer einen Vorschlag hat, dann soll er ihn machen. Er soll mit Leistungen kommen, mit Resultaten. Nicht das Leben großer Fahrer in den Dreck ziehen.« Im Spitzensport wird heute subtiler gedopt. Aufgrund der mangelnden Nachweisbarkeit erlebt das Doping mit Eigenblut eine Renaissance, insgesamt werden den Experten zufolge rund 80 Präparate in der Szene gehandelt, für die es kein Nachweisverfahren gibt. In Familien ehemaliger Radprofis wird seit einigen Jahren eine erhöhte Rate an Fehlgeburten und behinderten Neugeborenen registriert. Ein Trend ist tierisches Hämoglobin, vor allem von Kühen, das man nicht nachweisen kann. Seit 2003 steht Gendoping auf der Liste der verbotenen Methoden des Internationalen Olympischen Komitees. Was also, Herr Rominger, ist die Lösung? »Entweder man versucht es mit extremen Kontrollen und dann auch lebenslangen Sperren. Oder du schützt die Jugend und sagst: Bei den Profis wird es eh schwierig zu kontrollieren, gebt es frei, und legalisiert das Ganze.« Inwiefern soll Legalisierung bei den Erwachsenen den Jugendsport schützen? »Das Hauptproblem ist der Glaube an die übernatürlichen, reinen Helden des Sports. Die Kids glauben, sie könnten selbst solche Helden sein, dabei haben die meisten gar nicht die Kapazität dazu. Das ist die Wurzel des Problems. Die Aufgabe dieser Heuchelei der absoluten Reinheit durch die Dopinglegalisierung wäre der Preis für einen saubereren Jugendsport.« Ist das noch Sport, wenn man leistungssteigernde Substanzen nimmt? »Mein Gott, ich bin vor acht Jahren zurückgetreten und könnte jedes Mittel in mich hineinspritzen. Und wäre morgen bei einem unwichtigen Rennen nach zehn Kilometern abgehängt. Wenn alle etwas nehmen, ist das Resultat am Ende das gleiche.« Man spricht von über zwanzig Menschen, die wegen unsachgemäßer Epo-Anwendung sterben mussten. Gibt es denn für Sie keine Grenzen? »Risiken und Schäden müssen deklariert, die Fahrer aufgeklärt werden.« Auch wenn wir über Erwachsene reden – ist das moralisch vertretbar? »Zur heutigen Situation: Für eine Studie hat man an einer australischen High School gefragt: Wenn man euch garantieren würde, ein olympischer Champion in einer Disziplin eurer Wahl zu sein, aber dafür müsst ihr mit vierzig Jahren sterben – 70 Prozent sagten: Ja, würden wir machen. Das ist heute, das ist der Mensch und seine Einstellung.« Wie sehen Sie den Radsport heute? »Oh, ist doch immer noch ein schöner Sport.« Und Ihre Karriere? »War nicht nur schön. Aber ich schäme mich nicht für das, was ich gemacht habe. Ich bin sehr stolz darauf.« Was bleibt davon? »Eine Etappe. Über den Gavia, diese berühmt-berüchtigte Etappe beim Giro. Regen, oben Eis, Schnee, gefühlte minus 15 Grad, Chaos. Ach, und eine Vuelta-Etappe, 1994, da bin ich an einem Berg 60 Kilometer weit weggefahren, hinten die ganze Verfolgermannschaft um Zülle. An diesem Tag hab ich alles riskiert und gewonnen, vor 100000 Zuschauern. Was man damals für einen Boom ausgelöst hat. Irgendwie hat man die Leute doch berührt.« Herr Rominger, Entschuldigung, haben Sie gedopt? »Hat man mich schon zwei-, dreimal gefragt. Journalisten, die ich sehr gut gekannt habe, andere hatten nicht den Mut. Hab ich gesagt: Ich bin dreizehn Jahre Profi gewesen und hab nach jedem Sieg und auch sonst meine Kontrollen abgeliefert.« Alle negativ? »Alle negativ.« Tony Rominger teilt nach dem Gespräch mit: »›Meine‹ Hämatokritwerte kann ich nicht bestätigen und behaupte, dass diese Zahlen falsch sind.« Ferrari ist nicht zu einer Stellungnahme bereit. Auf seiner Web-Seite wirbt er mit sechs Siegen durch ihn betreuter Fahrer bei der Tour de France, neun beim Giro, fünf bei der Vuelta. Er bietet ambitionierten Amateuren Internet-Trainingskurse ab 80 Euro. |
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