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0 5 - 1 1 - 2 0 0 7 Patrik Sinkewitz und die Doping-Praktiken bei T-Mobile
Kronzeuge packt aus
Frankfurter Allgemeine
Der Bonner Rennstall T-Mobile gerät erneut unter Rechtfertigungsdruck. Kronzeuge Patrik Sinkewitz schilderte in seiner Anhörung vor dem Sportgericht des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) als erster Fahrer detailliert Doping-Praktiken bei T-Mobile. Demnach soll beim Magenta-Team auch nach dem Rauswurf von Jan Ullrich vor der Tour de France 2006 weiter gedopt worden sein.
Sinkewitz habe Aussagen „insbesondere über die Art und Weise der Verabreichung von Dopingmitteln durch Ärzte und Teamärzte“ gemacht, sagte der Sportgerichts-Vorsitzende Peter Barth der Deutschen Presse-Agentur dpa am Donnerstag. „Die Sinkewitz-Aussagen haben sich auch auf seine Zeit bei Quick Step von 2003 bis 2005 sowie auf seine Zeit bei T-Mobile im Jahr 2006 bezogen“, erklärte Barth.
Testosteron-Pflaster auf dem Arm Dass bei T-Mobile auch 2006 gedopt wurde, „wissen wir doch seit Ullrich“, sagte T-Mobile-Kommunikationschef Christian Frommert. „Das zeigt ja nur die Unverfrorenheit einiger Fahrer und beweist die Notwendigkeit unseres neuen Konzepts, bei dem wir auch Rückschläge einkalkulieren müssen.“
Sinkewitz-Anwalt Michael Lehner bestätigte, dass der 27-Jährige am Mittwoch „vom Beginn seiner Karriere bis zum Rauswurf bei T-Mobile alles über Doping berichtete“. Er wolle jedoch nicht sagen, ob Sinkewitz über Doping im Team T-Mobile 2006 ausgepackt hat.
Umfangreiche Aussage von Sinkewitz Der Radprofi aus Fulda war vor der diesjährigen Tour des Dopings überführt und von T-Mobile danach entlassen worden. Der Hesse gab zu, sich in der Vorbereitung zur Frankreich-Rundfahrt ein Testosteron-Pflaster zur Leistungssteigerung auf den Arm geklebt zu haben. Da sich Sinkewitz als Kronzeuge zur Verfügung gestellt hat, hofft Lehner auf ein „gerechtes Urteil: Nicht mehr als ein Jahr Sperre“.
In der knapp sechsstündigen Marathon-Anhörung in Frankfurt/Main habe Sinkewitz „eine umfangreiche Aussage getätigt, die uns tatsächlich in die Lage versetzen könnte, von einer Kronzeugenregelung Gebrauch zu machen“, sagte Barth. Er hoffe in den nächsten beiden Wochen eine Entscheidung verkünden zu können: „Ich werde heute noch dem BDR das Protokoll von der Sinkewitz-Anhörung sowie übrige in das Verfahren eingebrachte Unterlagen weiterleiten.“
T-Mobile-Teamleiter Aldag gibt sich überrascht Sowohl die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada als auch der Radsport- Dachverband UCI hätte gegen ein BDR-Urteil noch Einspruchsrecht. T-Mobile-Teamleiter Rolf Aldag reagierte auf dpa-Anfrage überrascht: „Ich kenne keine offizielle Sinkewitz-Erklärung über Doping-Praktiken bei T-Mobile 2006. Wenn es sie gibt, werden wir darauf sicher reagieren.“ Es spreche prinzipiell nichts dagegen, daß der Deutschland-Tour-Sieger von 2004 zum Bonner Rennstall zurückkehre, „wenn er die neuen Anti-Doping-Richtlinien akzeptiert und seine Sperre abgesessen hat“.
Der geständige Dopingsünder Jörg Jaksche, der auch von Lehner vertreten wird und dank der Kronzeugenregelung nur für ein Jahr gesperrt wurde, hatte zuvor eine mögliche Sinkewitz-Beichte als „sehr interessant“ bezeichnet. Sie könnte den Umgang mit Doping bei T- Mobile unter dem inzwischen suspendierten Teamarzt Lothar Heinrich (Freiburg) während der Tour 2006 ans Licht bringen.
Keine Fahrer-Namen genannt Nach der Suspendierung von Ullrich, Oscar Sevilla und Ullrich- Betreuer Rudy Pevenage vor dem Tourstart wegen Doping-Verdachts glänzten die Bonner Profis auch ohne einen Star durch erstaunliche Leistungen. Sergej Gontschar (inzwischen wegen auffälliger Blutwerte von T-Mobile entlassen) feierte Etappensiege und trug das Gelbe Trikot, Matthias Kessler (wegen Dopings bei Astana entlassen) freute sich über seinen ersten Etappensieg. Frühere Team-Kollegen müssen keine Angst vor dem Sinkewitz- Geständnis haben, sagte Lehner: „Er hat nicht auf andere Fahrer gedeutet, Namen sind nicht gefallen.“
Der Heidelberger Anwalt glaubt nicht, dass Sinkewitz wegen seiner Unterschrift unter die Ehrenerklärung für einen sauberen Sport sein komplettes Jahresgehalt zurückzahlen muß. Die Erklärung sei rechtswidrig und „das Papier nicht wert, auf der sie steht“. Er rechne auch nicht damit, dass T- Mobile von Sinkewitz Geld zurückfordert: „Bisher gibt es keine Anzeichen dafür“. Zuletzt soll der Hesse, der 2004 die Deutschland-Tour gewann und in diesem Jahr „Rund um den Henninger Turm“ in Frankfurt, bei T- Mobile rund 700.000 Euro pro Saison verdient haben. Ungeachtet der sportlichen Gerichtsinstanzen ermittelt die Staatsanwaltschaft Bonn weiter gegen Sinkewitz wegen des Verdachts des Betrugs zum Nachteil von T-Mobile und verschiedener Renn-Veranstalter.
0 5 - 1 1 - 2 0 0 7 Eigenblut-Doping bei T-Mobile?
Während der Tour 2006
Von Rainer Seele
Patrik Sinkewitz wird bald wieder reden müssen - beispielsweise vor der dreiköpfigen Untersuchungskommission, die von der Freiburger Universitätsklinik eingesetzt worden ist. Das Gremium soll sich mit der Rolle der Ärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmid im Zusammenhang mit Doping-Praktiken beim Team Telekom und später bei T-Mobile befassen. Heinrich und Schmid, die in diesem Jahr sowohl von T-Mobile wie auch von den Freiburgern entlassen worden sind, könnten bis 2006 in Leistungsmanipulationen verstrickt gewesen sein.
Das lassen die jüngsten Aussagen des Dopingsünders Sinkewitz vor dem Sportgericht des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) vermuten. Angeblich äußerte sich Sinkewitz auch über umfassendes Eigenblut-Doping bei T-Mobile während der Tour de France 2006; dabei soll Heinrich sich, wie es heißt, nicht zuletzt um Sinkewitz gekümmert haben. Die Beschuldigten, dis bisher nur die Beteiligung an Doping in den neunziger Jahren zugegeben haben, könnten somit auch keine Verjährungsfrist mehr geltend machen.
„Wir sind wieder mal vorgeführt worden“ Trotz der Offenbarungen von Sinkewitz wollen die Freiburger nicht unbedingt eine neue Qualität in den Vorwürfen gegen die Freiburger Sportmedizin erkennen. Damit seien nur die Vermutungen bestätigt worden, „dass die Leute nach 1998 irgendetwas mitgemacht haben“, sagte Matthias Brandis, der Leitende Ärztliche Direktor des Freiburger Universitätsklinikums.
Er klagte jedoch darüber, dass die von Freiburg initiierte Kommission nun ins Hintertreffen geraten sei. „Es ist ärgerlich“, sagte Brandis, „dass wir wieder mal so vorgeführt worden sind. Wir können es nicht mehr steuern.“ Das zielte auch auf die Wortmeldungen des Heidelberger Molekularbiologen Werner Franke. Die für die Freiburger Belange zuständige Kommission wird das Gespräch mit Sinkewitz führen, wenn sie die Protokolle des Bundeskriminalamtes über die Anhörungen von Sinkewitz erhalten hat.
Sinkewitz soll T-Mobile übrigens vor dem BDR-Sportgericht, das von Peter Barth geleitet wird, auch teilweise entlastet haben. Am Freitag jedenfalls wurde Barth so zitiert: „Herr Sinkewitz sagte, dass aus seiner Sicht bei T-Mobile die Verabreichung von Doping-Mitteln erledigt ist.“ Das Thema Doping aber wird die Bonner, so oder so, weiterhin beschäftigen.
0 5 - 1 1 - 2 0 0 7 BKA durchsucht Uni Freiburg
Blutbeutel und Festplatten
Von Rainer Seele
Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes (BKA) haben als Reaktion auf Doping-Aussagen des ehemaligen T-Mobile-Radprofis Patrik Sinkewitz am Mittwoch die Arbeitsplätze und die Wohnungen von zwei Ärzten der Universitätsklinik Freiburg durchsucht. Den beiden bereits suspendierten Medizinern, die auch für das Team T-Mobile tätig waren, werde vorgeworfen, verbotene Arzneimittel zu Dopingzwecken bei mehreren (Rad-)Sportlern angewendet und an sie abgegeben zu haben, teilte das BKA in Wiesbaden mit. Bei den Ärzten handelt es sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft Freiburg um Lothar Heinrich und Andreas Schmid. Beide waren im Frühsommer von der Uniklinik Freiburg suspendiert worden. Sie wohnen in Freiburg und Horben (Breisgau-Hochschwarzwald).
Sinkewitz hatte vor dem Sportgericht des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) angegeben, dass im Team T-Mobile Fahrer im Jahr 2006 mit Eigenblut gedopt haben sollen. An diesem Doping soll auch die sportmedizinische Abteilung der Uniklinik Freiburg direkt beteiligt gewesen sein.
Blutbeutel und Festplatten Den Auftrag für die Durchsuchung hatte nach BKA-Angaben die Staatsanwaltschaft Freiburg erteilt. Sie hat ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz eingeleitet. BKA-Beamte, Polizisten der Landespolizeidirektion Freiburg und Mitarbeiter der dortigen Staatsanwaltschaft suchten Rechnungen, Lieferscheine, Patientenakten sowie Unterlagen, die Anhaltspunkte zu den Vorgängen geben können, in die die beiden Sportmediziner verwickelt sein sollen. „Interessant sind auch Aufzeichnungen über die Lagerung und Verwendung von Blutbeuteln sowie Computerfestplatten“, sagte der Sprecher der Freiburger Staatsanwaltschaft, Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier.
„Wir haben damit gerechnet, dass die Staatsanwaltschaft Vorermittlungen aufnimmt, und sind an jeglicher Aufklärung interessiert“, sagte der Sprecher der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität, Rudolf-Werner Dreier. Mehrere BKA-Beamte und Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft Freiburg hätten mit der Razzia kurz nach acht Uhr begonnen. Die Aktion sei vorher nicht angekündigt gewesen. „Wir sind für jede Form der Kooperation bereit“, so Dreier.
Wie Oberstaatsanwalt Maier sagte, hatte seine Behörde bereits im Juli beim Amtsgericht Freiburg einen Durchsuchungsbefehl beantragt. Dieses Ansinnen sei mit der Begründung zurückgewiesen worden, die zunächst erhobenen Doping-Vorwürfe gegen die beiden Ärzte seien verjährt, weil sie einen Zeitraum vor 2002 betroffen hätten. Eine Beschwerde gegen diese Entscheidung sei vom Landgericht Freiburg im selben Monat zurückgewiesen worden. „Der jetzige Durchsuchungsbefehl wurde am vergangenen Freitag erlassen“, sagte Maier.
Finanziell profitiert? Andreas Schmid und Lothar Heinrich, die nach anfänglichem Leugnen die Verabreichung verbotener Substanzen an Aktive zugegeben hatten, sollen in erheblicher Weise finanziell von dem Betrug profitiert haben. Wie die „Badische Zeitung“ berichtete, sollen auch Fachleute für Geldwäsche, Steuerhinterziehung und Korruption an der Razzia beteiligt gewesen sein. Es stehen offenbar noch weitere Mediziner der Sportmedizin in der Universitätsklinik in dem Verdacht, Doping und Medikamentenmissbrauch über Jahre und Jahrzehnte hinweg organisiert zu haben. Schmid und Heinrich hatten sich mit der Behauptung verteidigt, sie hätten Mittel an Sportler nur deshalb abgegeben, um sie so davor zu bewahren, ohne medizinische Aufsicht zu dopen und sich unkalkulierbaren gesundheitlichen Risiken auszusetzen.
Die Aktion des BKA und der Staatsanwaltschaft war lange erwartet worden. Schon im Frühjahr wurde über eine Polizeirazzia in Freiburg spekuliert. Damals hatte der ehemalige belgische Masseur Jef d'Hont mit seinen Aussagen im „Spiegel“ den Skandal an der Universitätsklinik ins Rollen gebracht. D'Hont behauptete, beim damaligen Team Telekom sei in den neunziger Jahren exzessiv gedopt und betrogen worden. Der Belgier sagte aber ebenso wie kurz darauf diverse Radprofis, Bert Dietz, Rolf Aldag, Erik Zabel, Jörg Jaksche, nur über Zeiträume aus, die nach dem Bundesarzneimittelgesetz ebenso wie nach dem Strafgesetzbuch verjährt sind. Erst der Zeitraum von 2002 an wird strafrechtlich relevant. Patrik Sinkewitz ermöglichte den Ermittlern also den Durchbruch. Sogar in den Räumen der Freiburger Universitätsklinik sei er einmal mit Eigenblut versorgt worden, gab Sinkewitz zu. Diese Aussage wurde - im Gegensatz zu anderen Aussagen des Radrennfahrers - öffentlich gemacht.
„Seine Aussagen waren in diesem Ausmaß nicht zu erwarten. Sie haben auch seine Zeit bei T-Mobile 2006 umfasst und ein sehr umfangreiches Bild über Dopingpraktiken durch Ärzte und Teamärzte erbracht“, sagte der Vorsitzende des BDR-Sportgerichts, Peter Barth. Der 26 Jahre alte Sinkewitz, der am 8. Juni positiv auf Testosteron getestet worden war, will von der Kronzeugen-Regel profitieren und hofft auf eine Halbierung der Zweijahressperre. Der Fuldaer war Anfang 2006 vom belgischen Team Quick-Step zum Bonner Rennstall gewechselt. Durch sein Geständnis gerät auch T-Mobile unter weiteren erheblichen Aufklärungsdruck. Das fünfzehnseitige Protokoll der Sinkewitz-Anhörung hatte der Sportgerichts-Vorsitzende Barth „vor ein paar Tagen an das BKA weitergeleitet“. „Die Durchsuchung hat mich nicht überrascht“, sagte Barth nun.
Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass in Freiburg ein halbes Jahr nach den ersten Anschuldigungen noch strafrechtlich relevante Beweise für verbotene Doping-Aktivitäten gefunden werden. Die Verantwortlichen hatten schließlich Zeit, Spuren zu verwischen. Nach Informationen der „Badischen Zeitung“ gibt es Anlass für den Verdacht, dass selbst in den vergangenen Wochen noch belastendes Material beiseite geschafft wurde. Der Ärztliche Direktor der Abteilung, Hans-Hermann Dickhuth, bestreitet dies vehement. Sowohl Heinrich wie auch Schmid seien nach ihrer Kündigung am 24. Mai dieses Jahres aufgefordert worden, ihre Zimmer zu räumen. Insofern könne nicht davon die Rede sein, dass hier gezielt belastendes Material entfernt wurde, so Dickhuth.
Arbeitszimmer ausgeräumt Der ebenfalls wegen Doping-Verdachts von klinischen Tätigkeiten freigestellte Sportmediziner Georg Huber - der langjährige deutsche Olympiaarzt hatte zugegeben, in den achtziger Jahren einigen „U 23“-Radsportlern Testosteron verabreicht zu haben - hat laut Dickhuth in der vergangenen Woche seinen Resturlaub genommen. Auch Huber habe daraufhin begonnen, sein Arbeitszimmer auszuräumen. Der Arbeitsvertrag des Arztes hätte eigentlich ein Ausscheiden Mitte Februar 2008 vorgesehen.
Die Ermittler halten die Durchsuchung dennoch für notwendig: Sie dokumentiere, dass betrügerische Machenschaften verantwortlicher Sportärzte kein Kavaliersdelikt seien. Freiburg gilt seit Jahrzehnten als Zentrum der (bundes-)deutschen Sportmedizin und ist immer wieder mit Doping in Verbindung gebracht worden. Eine zentrale Rolle wurde dabei den ehemaligen Professoren Joseph Keul (verstorben im Jahr 2000) sowie Armin Klümper (ausgewandert nach Südafrika) zugeschrieben.
Die Freiburger Uniklinik hatte nach den Geständnissen von Heinrich, Huber und Schmid eine eigene Untersuchungskommission eingerichtet. Heinrich und Schmid haben es bislang abgelehnt, vor dem Gremium auszusagen. Wie dessen Vorsitzender Hans Joachim Schäfer mitteilte, hätten die bisherigen Ermittlungen ergeben, dass Uni-Bereiche „außerhalb der Sportmedizin“ nicht in die Doping-Praktiken einbezogen gewesen seien: „So steht unter anderem fest, dass kein einziges Gramm Epo aus der Uni-Apotheke an die Sportmedizin geliefert wurde.“
0 2 - 1 1 - 2 0 0 7 „Geronnenes oder verklumptes Blut“
Von Rainer Seele
Die Doping-Praktiken an der Freiburger Universitätsklinik hatten offenbar ein bisher unbekanntes Ausmaß. Nach Angaben des Kronzeugen Patrik Sinkewitz soll im vergangenen Jahr bei der Behandlung von Radprofis des T-Mobile-Teams verklumptes Blut aufgetaucht sein. „Herr Sinkewitz sagte, nach der ersten Etappe der Tour de France 2006 habe der beschuldigte Arzt Dr. Schmid davon abgesehen, Blut zu infundieren, weil dieses Blut schadhaft oder verunreinigt gewesen sei“, sagte der Freiburger Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier am Freitag. Unsachgemäße Blut-Transfusionen können tödlich enden.
Sinkewitz sei nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr drei bis vier Mal an der Uniklinik Freiburg gewesen, „um dort Blut abzugeben und zuvor abgegebenes Blut aufgefrischt wieder infundiert zu bekommen“, sagte Maier. Es werde weiter geprüft, ob die beiden ehemaligen T-Mobile-Teamärzte und Uni-Mediziner Lothar Heinrich und Andreas Schmid den Tatbestand der Körperverletzung erfüllen. Ihnen droht eine mögliche Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren.
„Beinahe tödliche“ Form des Eigenblut-Dopings „Das ist höchstgefährlich. Da kann nicht irgendein Sportmediziner daherkommen und in solcher Weise dilettantisch mit Blut umgehen“, sagte der Heidelberger Doping-Experte Werner Franke in Hamburg. Diese „beinahe tödliche“ Form des Eigenblut-Dopings müsse aufgeklärt werden, forderte der Molekularbiologe: „Das halte ich für das Abenteuerlichste. Jetzt kann ich als Wissenschaftler nicht mehr die Schnauze halten. Da sagt der Sinkewitz, der Heinrich hat abgebrochen, weil er sagt, das Blut ist schon zu viel geklumpt.“
Nach einem Bericht der „Badischen Zeitung“ soll schon lange vor der Großrazzia des Bundeskriminalamtes (BKA) am Mittwoch in der sportmedizinischen Abteilung der Uni-Klinik belastendes Material über Doping-Aktivitäten verschwunden sein. Darüber berichtete die Zeitung zwei Tage nach der Durchsuchung der Diensträume von Heinrich und Schmid, die von T-Mobile und der Uni-Klinik suspendiert wurden.
Erhebliche Aktivitäten bei Heinrich und Schmid Schon am Tag nach der Veröffentlichung des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ mit den Aussagen des ehemaligen Team-Betreuers Jef D'Hont am 30. April „waren in den Büros von Heinrich und Schmid erhebliche Aktivitäten zu verzeichnen. Mehrere Männer schafften Koffer aus den Zimmern heraus“. Nach Informationen der Zeitung besteht „zudem der dringende Verdacht“, dass selbst in den vergangenen Wochen noch belastendes Material über Doping-Aktivitäten im Radsport beiseite geschafft wurde.
Unterdessen hat Franke nach einer Verhandlung vor dem Hamburger Landgericht gesagt, Jan Ullrich habe im Jahr 2006 insgesamt 120.000 Euro an den spanischen Doping-Arzt Eufemiano Fuentes gezahlt. Franke erklärte, der Leiter der spanischen Ermittlungsbehörde Guardia Civil habe ihm gesagt, dass die von der Staatsanwaltschaft Bonn ermittelten 25.000 Euro nur die „Anzahlung“ in diesem Jahr waren. „Dafür habe ich prima Zeugen und das habe ich alles auch dem Bundeskriminalamt (BKA) weitergeleitet“, sagte Franke.
Verstoßen Dopingtests gegen Persönlichkeitsrechte? Frankes Anwalt Michael Lehner will den früheren Ullrich-Betreuer Rudy Pevenage, Fuentes, die geständigen Dopingsünder Ivan Basso und Jörg Jaksche sowie den Ex-Telekom-Masseur Jef D'Hont als Zeugen vorladen. Die Verhandlung wird am 30. November fortgesetzt. Die spanische Justiz hatte das Verfahren gegen Fuentes im April vorläufig eingestellt. Mehrere bei dem Madrider Mediziner deponierte Blutbeutel wurden Ullrich per DNA-Abgleich zugeordnet. Ullrich selbst hat aber sowohl den Kontakt zu Fuentes als auch Doping-Missbrauch bisher stets bestritten.
„Eine umfassende Beweisaufnahme auf deutschem Boden zur Operation Puerto könnte interessant und spannend werden“, sagte Lehner, der die Strategie des Ullrich-Lagers, nichts zu sagen und keine Stellung zu beziehen, als „Bumerang“ bezeichnete. Es seien „immer Häppchenweise immer neue Tatsachen“ wie etwa die Lagerung von Ullrichs Blut bei Fuentes oder ein reger Zahlungsverkehr herausgekommen: „Das ist eine Einbahnstraße, die kann an sich nur zu einer vollständigen Zerbröckelung des Rad-Denkmals Jan Ullrich führen.“
Schumacher will Werte offenlegen Ungeahnte Hilfe könnte es für Ullrich aus Kasachstan geben. Der des Blutdopings überführte Radprofi Andrej Kaschetschkin hat Klage eingereicht, weil Dopingtests seiner Meinung nach gegen die Persönlichkeitsrechte der Athleten verstoßen und somit nicht rechtens sind. Die erste Verhandlung findet am 6. November in Kaschetschkins Wohnort Lüttich statt.
Radprofi Stefan Schumacher, bei dem im WM-Vorfeld bei unangemeldeten Doping-Tests erhöhte Blutwerte festgestellt worden waren, wird die Ergebnisse der Untersuchungen im November offenlegen. Das erklärte am Freitag sein Manager Heinz Betz. Der WM-Dritte vom Team Gerolsteiner, der zur Zeit eine Kreuzfahrt macht, ist laut Betz am 11. November zurück. „Danach werden wir durch eine Experten-Kommission die Werte offenlegen und klarmachen, dass es keinen Doping-Fall Schumacher gibt.“ Der Profi hatte seine Unregelmäßigkeiten mit einer Durchfall-Erkrankung erklärt.
0 5 - 1 1 - 2 0 0 7 „Die Initiative ging von mir aus“
Sinkewitz packt weiter aus
Frankfurter Allgemeine
Der geständige Dopingsünder und Kronzeuge Patrik Sinkewitz packt weiter aus. In einem Gespräch mit dem Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ äußert sich der 27 Jahre alte Radprofi erstmals öffentlich über seine positive Dopingprobe und die Praktiken an der Freiburger Uni-Klinik.
Wie das Nachrichtenmagazin „Focus“ in seiner neuen Ausgabe berichtet, könnte sich die Kronzeugenregelung für den ehemaligen Quick-Step- und T-Mobile-Profi auszahlen: Die Bonner Staatsanwaltschaft will das Betrugsverfahren gegen Sinkewitz „nach dessen Beichte im September gegen eine fünfstellige Geldbuße einstellen“.
Mit verschiedenen Mitteln betrogen Was Eigenblut-Doping ist, habe er erst im Sommer 2005 mitbekommen, sagte Sinkewitz in dem „Spiegel“-Interview. Bei seinem ersten Treffen mit den Freiburger Ärzten Andreas Schmid und Lothar Heinrich im November 2005 habe er „konkret danach gefragt. Mir wurde gesagt, es sei möglich.“ Dennoch haben ihn die inzwischen suspendierten Ärzte des T-Mobile-Teams nie dazu getrieben und „nie gesagt, das müsse ich jetzt tun“. Sinkewitz: „Die Initiative ging von mir aus.“ Er habe keinerlei Bedenken gehabt. „Es wurde mit meinem eigenen Blut gearbeitet - was sollte daran riskant sein?“
Das Dopen „gelernt“ habe er von anderen Fahrern und Ärzten. „Von allen ein bisschen.“ Sinkewitz gab zu, mit verschiedenen verbotenen Mitteln betrogen zu haben. „Damals, das ist ja längst kein Geheimnis mehr, war es Epo, das einen vorwärts brachte. Dazu kamen Sachen wie Kortison oder Synacthen. Blutdoping kannte ich in den Jahren noch nicht.“
„Trainingskontrollen gab es kaum“ Die Doping-Kontrolleure habe er in seiner Zeit beim belgischen Quick-Step-Team (2003 bis 2005) gezielt ausgetrickst. „Wenn ich wusste, dass eine Dosis fünf Tage nachweisbar ist, habe ich sechs Tage vor dem Wettkampf aufgehört. Trainingskontrollen gab es damals kaum“, sagte Sinkewitz, der bereits vom Bundeskriminalamt, der zuständigen Bonner Staatsanwaltschaft und dem Bund Deutscher Radfahrer (BDR) vernommen worden ist.
Sinkewitz erklärte im „Spiegel“, wie es dazu kam, dass er am 8. Juni bei einer Trainingskontrolle erwischt worden ist. „Ich hatte zwei oder drei kleine Beutel eines Testosteron-Gels in meinem Portemonnaie stecken, jeweils 25 Milligramm.“ Einen Beutel habe er sich „am Abend des 7. Juni auf den Oberarm geschmiert, vorm Einschlafen. Die Verpackung habe ich in der Toilette weggespült.“ Er sei davon ausgegangen, dass die Menge zu gering für einen Nachweis sei.
Nach Bekanntwerden seiner positiven Probe am 18. Juli war Sinkewitz suspendiert worden. Dennoch hofft er nach seinem umfassenden Geständnis auf die Kronzeugenregelung, die eine Halbierung der Sperre vorsieht - in seinem Fall auf ein Jahr. Er will wieder Rennen fahren: „Ich kann gar nichts anderes.“
0 5 - 1 1 - 2 0 0 7 T-Mobile vor dem Ausstieg
Von Evi Simeoni
Die Tage des Profi-Radteams T-Mobile sind offenbar gezählt. Nach dem Doping-Geständnis des Rennfahrers Patrik Sinkewitz sieht sich die Konzernleitung der Deutschen Telekom AG, deren Tochter T-Mobile den Rennstall sponsort, mit Erkenntnissen konfrontiert, die ihre bisherige Auffassung von ihrem Radsport-Engagement konterkarieren.
DEin sauberer Neuanfang in der traditionell dopingverseuchten Szene, wie von T-Mobile seit der Tour de France 2006 propagiert, erscheint den Managern vor dem Hintergrund der Sinkewitz-Angaben offenbar nicht mehr möglich. Wie aus dem Konzern-Umfeld verlautete, wird sich der Telekom-Vorstand noch in dieser Woche mit dem Thema auseinandersetzen. Dabei, heißt es, werde die Option eines Ausstiegs aus dem Radsport geprüft.
Sinkewitz: organisiertes Doping bei T-Mobile Stefan Althoff, der Leiter Sponsoring der Deutschen Telekom, erklärte am Montag gegenüber dieser Zeitung, es gebe eine „neue Faktenlage, mit der man sich auseinandersetzen muss“. Sinkewitz, der Henninger-Sieger dieses Jahres, hat nach eigenen Angaben noch während der Tour de France 2006 in den Räumen der Universität Freiburg versucht, sich mit Hilfe von Eigenblut-Infusionen zu dopen. Dies sei nach der ersten Etappe geschehen, zwei Tage nachdem T-Mobile unter anderen Jan Ullrich wegen seiner Verbindungen zum spanischen Doping-Experten Eufemiano Fuentes suspendiert hatte.
Sinkewitz ließ durchblicken, dass es innerhalb des Rennstalls zu diesem Zeitpunkt organisiertes Doping gegeben habe. Die Freiburger Sportmediziner Lothar Heinrich und Andreas Schmid waren damals als Team-Ärzte von T-Mobile aktiv. Im Verdacht steht deswegen zumindest auch der aktuelle Teamkapitän, der Australier Michael Rogers, der bereits 2006 zur Tour-Equipe von T-Mobile gehörte. Der Sportliche Leiter Rolf Aldag hatte trotz eines Doping-Bekenntnisses im Mai seinen Arbeitsplatz behalten dürfen. Er hatte allerdings nur Vergehen eingestanden, die schon verjährt waren.
„Grundsätzlich kann man Verträge immer kündigen“ Althoff betonte, dass es einen gültigen Vertrag mit dem Rennstall T-Mobile bis zum Jahr 2010 gebe. Die Verlängerung des Engagements war im August bekanntgegeben worden. Allerdings ergänzte er: „Grundsätzlich kann man Verträge immer kündigen, die Frage ist, zu welchen Konditionen.“ Der Telekom-Sprecher verweist zwar andererseits darauf, dass man sich im Radsport „etwas vorgenommen“ habe. Es gebe die grundsätzliche Intention, „einen Teil dazu beizutragen, dass der Sport wieder sauber wird.“
Aber man müsse sich mit der aktuellen Lage auseinandersetzen. „Wir können nicht so tun, als könnte es so weitergehen wie bislang.“ Das Problem sei, „dass Dinge passiert sind, die von der Bedeutung her in der Vergangenheit falsch eingeschätzt worden sind. Wer hätte gedacht, dass in Freiburg solche Dinge vorgehen? Ich nicht.“ Auch das Engagement von Rolf Aldag müsse man sich noch einmal ansehen.
Rund zehn Millionen Euro für T-Mobile-Rennstall Nach einer auf Testosteron positiven Dopingprobe hatte T-Mobile den 27 Jahre alten Hessen Sinkewitz fristlos entlassen. Dieser hatte vor dem Bundeskriminalamt, der Staatsanwaltschaft Bonn, dem Bund Deutscher Radfahrer und am Wochenende in den Medien ausführliche Bekenntnisse abgelegt. Auch der Ukrainer Sergej Gontschar – wegen auffälliger Blutwerte – und der Italiener Lorenzo Bernucci – wegen der Einnahme von Appetitzüglern – hatten den Rennstall verlassen müssen.
T-Mobile lässt sich den vom Amerikaner Bob Stapleton geleiteten Rennstall im Jahr etwa zehn Millionen Euro kosten. Zur Zeit sind 29 Fahrer beschäftigt. Auch beim Wissenschaftsministerium des Landes Baden-Württemberg, unter dessen Aufsicht das Universitätsklinikum Freiburg steht, haben die Sinkewitz-Aussagen zu erhöhter Aktivität geführt.
Jochen Laun: „Natürlich wollen wir Aufklärung“ Der Aufsichtsrat des Uniklinikums werde so rasch wie möglich zu einer Sondersitzung zusammentreten, sagte Ministeriumssprecher Jochen Laun auf Anfrage dieser Zeitung. Vorsitzender des Aufsichtsrats ist der Stuttgarter Ministerialdirigent Heribert Knorr. „Natürlich wollen wir Aufklärung. Wir wollen wissen, was geschehen ist und welche Abläufe das ermöglicht haben“, sagte Laun.
Durch die „neue Zeitschiene“ – bisherige Vorwürfe gegen die Freiburger Sportmedizin waren verjährt – habe man es nun auch mit strafrechtlichen Aspekten zu tun. Die Untersuchungskommission unter Vorsitz des ehemaligen Richters Hans-Joachim Schäfer, werde die neuen Erkenntnisse in ihre Arbeit einbeziehen und eng mit den Ermittlungsbehörden zusammenarbeiten.
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