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0 2 - 0 1 - 2 0 0 5 Jacques Rogge im Gespräch
"Dem Sport hilft nur Big Brother"
Von Thomas Kistner
SZ: Herr Präsident, wie viele olympische Medaillen mussten Sie in Ihrer erst dreijährigen Amtszeit umverteilen?
Rogge: Ich glaube, das kriege ich hin: Die Langläufer Danilova, Lasutina und Mühlegg in Salt Lake City. Dann warten wir auf den Beschluss des Leichtathletik-Weltverbandes zu der US-Siegerstaffel über 4x400 m in Sydney, da gibt es wohl auch einen Tausch. Wir hatten vier, fünf Medaillen in Sydney, in Athen Fazekas, Annus, das kolumbianische Mädchen, die russische Kugelstoßerin – es waren so viele...und wir benötigen immer noch Beerbaum, wegen dieser Dopingsache im deutschen Reiterteam. Gut, es müssen zehn bis 15 Medaillen sein.
SZ: Deutlich mehr als in der 21-jährigen Amtszeit Ihres Vorgängers Samaranch. Wird heute schärfer kontrolliert oder mehr gedopt? Rogge: Definitiv sind die Tests effizienter geworden, auch die wissenschaftliche Methodik ist besser. Und wir testen außerhalb des Wettkampfes, in aller Welt. Zudem machen wir Zielkontrollen, wenn uns jemand verdächtig ist. Wir schicken jemand ins Haus, wie bei Mühlegg. Der war in seinem Quartier am Rennkurs, als unser Team abends um sechs anklopfte. SZ: Dass mit vertiefter Szenekenntnis gearbeitet wird, galt bisher als üble Vorverdächtigung. Muss man nicht zugeben, dass Doping früher nie konsequent bekämpft wurde? Dick Pound, lange Jahre IOC-Vize und heute Chef der Welt-Antidopingagentur Wada, sagt, mit Dopingthemen sei stets diplomatisch umgegangen worden. Statt Sünder rauszuwerfen, hätte man Skandale intern geregelt, streng harmonisch – war es so? Rogge: Es ist nicht an mir, eine Erklärung zur Vergangenheit abzugeben.
SZ: Sie waren aber auch zu der Zeit schon IOC-Mitglied. Rogge:Richtig ist: Das IOC hat eine neue Politik, für die ich stehe. Aber es gibt auch eine Änderung der Mentalität. Sogar George W. Bush hat erklärt, wir müssen jetzt gegen anabole Steroide kämpfen, und das amerikanische Olympiakomitee hat sich total verändert. Gerade haben wir erlebt, dass eine Athletin wie Michelle Collins acht Jahre gesperrt wurde – früher unmöglich! Es ist dieser Mentalitätswechsel, den ich sehr begrüße, da hat auch die Wada großen Anteil. Wir brauchen die Wada nicht für unsere Politik im IOC, ihre Existenz schreckt aber viele Leute ab. Das ist großartig.
SZ: Sie sind Arzt. Schockiert es Sie da nicht, wenn Sie nun in der Balco-Affäre sehen, welche Mittel US-Stars wie Marion Jones über all die Jahre nahmen: Echte Dopingbomben aus Wachstumshormonen, Insulin sowie längst nachweisbaren Mitteln wie Anabolika – und flogen doch nie auf? Jones wurde 84 mal getestet zwischen 1997 und 2002, stets negativ. Ist dieser Kampf nicht sinnlos geworden? Rogge: Er wird immer schwierig sein, weil Betrug fester Bestandteil der menschlichen Natur ist. Es wäre naiv zu sagen, wir lösen das Problem, das wäre, als würde man die Gesellschaft auffordern, die Kriminalität abzuschaffen. Wir werden immer Gefängnisse und Polizisten brauchen. Stimmt, diese Athleten flogen nie auf. Aber wir können jetzt besser testen als noch vor sechs Monaten, wir können Epo finden. Trotzdem zählt nur eines wirklich: Unangekündigte Trainingstests. Dass wir morgens um sieben, abends um acht irgendwo anklopfen und rufen: Wir wollen eine Probe. Nur das funktioniert. Im Wettkampf sind die Betrüger sauber, vorher nicht. Wie in Salt Lake City, Mühlegg und die Russinnen. Wir schnappten sie außerhalb der Wettkämpfe, beim Rennen fand sich nichts. SZ: Aber es gibt auch eine neue Qualität des Betrugs. Marion Jones verdankt Ihre saubere Weste auch dem Umstand, dass sie so genannte Pre-Testings vornahm, etwa vor ihren Rennen in Sydney Urinproben nach Kalifornien verschickte, wo sie von einem Privatlabor überprüft wurden. Längst beteiligen sich große Firmen am Betrug und verdienen gut daran. Marion Jones wurde nach Aktenlage von dem US-Chemieriesen Quest gecheckt. Osteuropäische Athleten bedienen sich privater Labors in Warschau oder Rumänien – ein Prinzip, das schon in DDR und UdSSR praktiziert wurde. Steckt dahinter nicht längst eine wissenschaftlich-industrielle Verschwörung? Rogge: Das ist leider richtig. Es gibt diese Labors, wo sich Athleten heimlich testen lassen. Gerade deshalb sage ich ja: Es geht nur mit Überraschungskontrollen. Dann ist es auch unerheblich, ob sich Athleten zur Sicherheit selbst testen. Sie wissen ja nie, wann der Kontrolleur an die Tür klopft.
SZ: Überraschungstests funktionieren nur, wenn der Kontrolleur den Athleten vorfindet. Das ist oft nicht der Fall. Und: Es gab bisher so gut wie nie, wenn Sportler nicht anzutreffen waren, Sperren wegen Nichterscheinens. Die Athleten liefern die tollsten Stories, warum sie verschwinden mussten, die Verbände helfen nach beim Vertuschen, Sie müssen ja stets den Aufenthaltsort ihrer Athleten kennen. Geraten die Verbände so nicht oft in die delikate Lage, eigene Athleten ans Messer liefern zu müssen? Rogge: Ja, aber wir hatten das Problem mit dem Nichterscheinen auch mit den griechischen Sprintern Kenteris und Thanou. Ich bin froh, dass sie suspendiert sind. Wir müssen Athleten, die zum Test nicht erscheinen, viel strikter bestrafen. Sie gehören disqualifiziert, Punkt. Wer nicht sofort greifbar ist, muss es spätestens nach ein, zwei Stunden sein. Aber keine Ausnahme mehr für den, der drei-, vier-, fünfmal nicht erscheint.
SZ: Wie kriegen Sie das hin? Bisher wurde kaum ein Athlet wegen Abwesenheit bestraft – und viele redeten sich mit abenteuerlichen Geschichten heraus. Rogge: Wir müssen über die Wada und einen verschärften Antidoping-Code sicherstellen, dass diese Regeln eindeutig und unbedingt einzuhalten sind. Die Verbände müssen haftbar gemacht werden für die Aussage, wo sich ihre Athleten gerade aufhalten. Das ist der einzige Weg.
SZ: Also Big Brother im Sport, die totale Überwachung des Athleten? Rogge: Ja. Betrüger zerstören die Glaubwürdigkeit. Und wir haben Big Brother überall in der Drogenbekämpfung. Also habe ich kein Problem damit, es geht ja um Betrugsbestrafung. Wenn da jemand sein Recht auf Privatsphäre einklagen will – ich bitte Sie. SZ: Von Kenteris/Thanou war die Rede. Das saubere Pärchen hatte nicht mit dem Test gerechnet, als es am Tag vor Spiele-Eröffnung im Olympiadorf aufkreuzte. In Athen hieß es, sie seien auch von der Veranstalterorganisation Athoc gebeten worden, sich im Dorf kurz zu registrieren – und es sei ihnen garantiert worden, in den paar Minuten nicht getestet zu werden. Wissen Sie etwas davon? Rogge: Das habe ich nie gehört. Die Prozedur war so abgelaufen: Als wir in Athen ankamen, gab ich unserem IOC-Arzt Schamasch Anweisung, eine Reihe Athleten im Training zu testen, ungefähr 20, darunter Kenteris und Thanou. Alles lief problemlos, nur die zwei erschienen nicht. Ich sagte Schamasch, er solle die Jagd fortsetzen. Zwei Tage vor Eröffnung fragte ich beim griechischen NOK nach. Das erfuhr vom Leichtathletikverband, die zwei seien in München bei einem Arzt. Wir forderten die Hoteladresse an, aber da war niemand. Tags darauf hieß es, sie seien im Olympiadorf. Ich ließ Schamasch ein Team hinschicken. Aber das fand sie nicht mehr, sie waren wieder fort – und nun ging diese Geschichte mit dem Unfall und dem Hospital los. Aber das Athoc hatte damit nichts zu tun, unsere Informationen kamen vom NOK. SZ: Was halten Sie von einem Antidoping-Gesetz? Braucht man so eine staatliche Hilfe, wie sie es in Frankreich, Italien oder Skandinavien schon gibt, die aber beispielsweise in Deutschland noch immer als überflüssig betrachtet wird? Rogge: So ein Gesetz ist sehr wichtig. Ich komme aus dem Land, das 1965 das erste Antidoping-Gesetz einführte, Radfahren ist ja in Belgien sehr populär. Diese Regelung ist bis heute Grundlage vieler Gesetze anderswo und beruht darauf, dass der Athlet nicht strafrechtlich, sondern unter disziplinarischen Aspekten bestraft wird. Athleten sind keine Gefahr für die Gesellschaft, aber die Dealer müssen ins Gefängnis, das ist die Philosophie. Es gibt jedoch einige Probleme: In Italien kann der Athlet ins Gefängnis wandern. Das ist nicht die beste Lösung, also baten wir die Regierung, das für die Spiele in Turin 2006 zu ändern. Nur der Staat kann Leute verhören, Häuser und Gepäck durchsuchen, Zollkontrollen machen, nur der Staat kann Telefone abhören – wir können das alles nicht.
SZ: Empfehlen Sie das auch dem deutschen Sport? Da gibt es starken Widerstand, von den Sportführern bis hin zu Bundesinnenminister Otto Schily. Rogge: Generell: Jedes Land sollte ein Antidopinggesetz haben. Wir brauchen die Hilfe der Regierungen, die so viele weitere Dinge tun können, Qualitätskontrollen für die Sportmedizin, Prävention in der Schule, Forschungshilfen. Auch der Tour-Skandal 1998 flog durch eine Zollkontrolle auf. Sie beschlagnahmten Drogen und enttarnten ein riesiges Netzwerk. Das schaffen nur Regierungen.
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