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Der giftige Schatten der «Alten Dame»

Juventus-Arzt Agricola wegen Doping-Abgabe verurteilt

Neue Zürcher Zeitung
27. November 2004
Peter Hartmann

Im Dopingfall um Juventus Turin ist der Mannschaftsarzt Riccardo Agricola von einem Gericht in Turin wegen Sportbetrugs zu einer bedingten Gefängnisstrafe von 22 Monaten verurteilt worden. Die Anklage hatte 3 Jahre und 2 Monate gefordert.

Freigesprochen wurde hingegen der Verwaltungsratsdelegierte und Geschäftsführer des Fussballklubs, Antonio Giraudo, gegen den der Staatsanwalt Raffaele Guariniello - übrigens ein bekennender Juve-Anhänger - zwei Jahre beantragt hatte. Der Einzelrichter Giuseppe Casalbone sah es als erwiesen an, dass Agricola die Spieler in den neunziger Jahren systematisch mit Transfusionen verbotener Substanzen behandelt hatte, so mit EPO, aber auch missbräuchlich mit rezeptpflichtigen Schmerzmitteln und Psychopharmaka. Als Grundlage des Urteils diente das Gesetz aus dem Jahre 1989, das den Sportbetrug unter Strafe stellt.

Nach vier Jahren Ermittlungen und drei Jahren Prozessdauer, nach 38 Gerichtsterminen und Hunderten von Einvernahmen endlich ein Urteil und eine Gewissheit: Die unwiderstehliche Juventus-Squadra der neunziger Jahre war gedopt. Die Spieler - Stars wie Zidane, Del Piero, Roberto Baggio - und ihr damaliger Trainer Marcello Lippi, heute Commissario tecnico der Nationalmannschaft, bleiben jedoch ungeschoren.

Zur Wahrheitsfindung haben sie kaum etwas beigetragen, obwohl sie nur als «informierte Zeugen» und nicht als Beschuldigte einvernommen wurden. Nach Art der Mafia verschanzten sie sich hinter einer abgesprochenen Omertà und gestanden nur den massiven Konsum der nicht verbotenen Aufbausubstanz Kreatin ein. Aber mit der Verurteilung des Arztes Riccardo Agricola fällt jetzt ein giftiger Schatten auf den italienischen Rekordmeister und den Calcio. Die «Alte Dame» gewann in den Jahren 1994 bis 1998, auf die sich die Nachforschungen des Turiner Staatsanwaltes Raffaele Guariniello erstreckten, nach einem neunjährigen Tief dreimal den nationalen Titel und einmal die Champions League.

Das Urteil bedeutet auch eine Genugtuung für den Trainer Zdenek Zeman, der den Fall - er war damals bei der AS Roma, heute ist er bei Lecce - ins Rollen brachte, als er die «unnatürlichen Muskeln» von Spielern wie Del Piero und Vialli angeprangert und gefordert hatte, der Fussball müsse «wieder aus den Apotheken herauskommen». Danach galt der 57-jährige Arztsohn aus Prag, der nach dem Scheitern des Prager Frühlings 1968 zu seinem Onkel Cestmir Vycpalek nach Italien flüchtete (Vycpalek wurde als Trainer mit Juventus selber zweimal Meister), als Nestbeschmutzer.

Gianluca Vialli bezeichnete ihn als «Terroristen» und hängte ihm einen Verleumdungsprozess an, den er nun verlieren dürfte - aber Vialli war später immerhin der einzige Spieler, der bestätigte, «sinnlos», ohne erkennbare Notwendigkeit mit Psychopharmaka und vor den Spielen mit massiven Dosen des Schmerzmittels Voltaren behandelt worden zu sein - vielleicht hat er sich mit seiner Aussage zum Aussenseiter gestempelt, jedenfalls fand er in Italien noch keinen Trainerjob. Bei Juventus stiegen die Ausgaben für Arzneien plötzlich auf das Vierfache. Der Apotheker Giovanni Rossano, der die Juventus-Kabine mit Medikamentenbeständen «wie für ein Kleinstadt- Spital» (so Staatsanwalt Guariniello) versorgte, hatte als Geständiger mit dem Gericht früher schon eine geringfügige bedingte Gefängnisstrafe ausgehandelt.

Mit dem Prozess in Turin hat die Trilogie der Doping-Vergangenheitsbewältigung all'italiana einen vorläufigen Abschluss, aber noch kein Ende gefunden. Der Dottore Agricola wird zweifellos gegen das Urteil appellieren.

Zuvor hatte der berüchtigte «EPO-Professor» Conconi mit seiner juristischen Verzögerungstaktik in Ferrara einen Freispruch dritter Klasse wegen Verjährung herausgeholt. Und der Radrennfahrer-Guru Michele Ferrari (zu seinem Kundenstamm gehörten Toni Rominger und Lance Armstrong, auch Zidane wurde in seinem Wartezimmer gesehen) holte sich im Justizpalast von Bologna in erster Instanz ein Jahr Gefängnis bedingt ab (weil er unerlaubterweise eine Apotheke betrieb), praktiziert aber weiterhin als Arzt.

Wie large in Italien mit Doping umgegangen wird, zeigte sich auch nach den Olympischen Spielen 2000 von Sydney: Der Dopingkommission des Sportdachverbandes Coni lagen Unterlagen vor von mit dem Wachstumshormon HGH gedopten Medaillengewinnern im Schwimmen - statt eine Untersuchung einzuleiten, löste das Coni die Kommission auf und vernichtete die Akten.

In einer anonymisierten Umfrage der Fussballer-Gewerkschaft, an der sich 1031 Spieler beteiligten, auch 50 Prozent der Serie-A-Angestellten, haben 82 Prozent den Gebrauch verbotener Mittel eingestanden.

Im Zusammenhang mit dem Fall Juventus machte der Ermittler Guariniello die haarsträubende Entdeckung, dass das offizielle Dopinglabor von Acquacetosa bei Rom jahrelang keine Anabolika-Tests durchgeführt und systematisch ungeöffnete Proben vernichtet hatte. Coni-Präsident Mario Pescante musste seinen Sessel räumen, kehrte aber durch den Triumphbogen in die Öffentlichkeit zurück: als Sportminister im Kabinett Berlusconi.

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