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Universität als Schule der Manipulation

Die Abteilung Sportmedizin der Uniklinik Freiburg forscht seit 50 Jahren mit Dopingmitteln

Von Andreas Singler
Neue Zürcher Zeitung
26. Mai 2007

Die Universität Freiburg i. Br. lässt untersuchen, was eigentlich schon seit Jahrzehnten bekannt ist: In der Abteilung Sportmedizin wurde immer wieder mit Doping hantiert.

Nach den Olympischen Sommerspielen von Helsinki im Jahr 1952 ist der deutsche Trainer Woldemar Gerschler in den Medien als «Verräter» beschimpft worden. Der frühere Betreuer der im Zweiten Weltkrieg umgekommenen deutschen Sportlegende Rudolf Harbig hatte den Luxemburger Mittelstreckenläufer Joseph Barthel zur Goldmedaille über 1500 m geführt.

41. der Weltrangliste war Barthel im Jahr zuvor noch gewesen. Im Olympiafinal von Helsinki dann überspurtete der Aussenseiter selbst den deutschen Favoriten Werner Lueg, der wenige Wochen zuvor noch einen Weltrekord erzielt hatte.

Gerschler stand als Trainer für Innovation. In Zusammenarbeit mit dem Freiburger Professor Herbert Reindell, dem Nestor der deutschen Sportmedizin, begründete er die sogenannte Intervallmethode. In diesem Kontext entstand der Begriff «Freiburger Schule».

Mittlerweile ist bekannt, dass in dieser nicht nur intelligente, wissenschaftlich fundierte Trainingsmethoden hervorgebracht wurden. Das «Sportmärchen» um den Lauf des Lebens an den Olympischen Spielen beherbergt hinter der glücklichen Fassade eine Wirklichkeit, die die Sportwelt immer wieder aufs neue bedrückt. Denn «Josy» Barthels Olympiasieg wurde erst durch Doping ermöglicht.

Wunderdroge Pervitin

Zwischen 1952 und 1954 wurde in Freiburg bei Herbert Reindell von dem späteren Radiologen Oskar
Wegener eine lange nicht auffindbare Doktorarbeit geschrieben, die sich mit der «Wirkung von Dopingmitteln auf den Kreislauf und die körperliche Leistung» beschäftigte.

Der Kölner Journalist Eric Eggers hat den Vorgang im vergangenen Jahr publik gemacht.

Oskar Wegener, als Läufer selbst beim Duo Gerschler/Reindell aktiv, untersuchte den Effekt von stimulierenden Mitteln. Besonders das Pervitin, das deutsche Kampfflieger im Zweiten Weltkrieg erhalten hatten, versprach bedeutende Leistungsfortschritte. Bis 23,5 Prozent wurden bei austrainierten Athleten gemessen, «weil sich in den Beinen ein Gefühl der Erleichterung ausbreitete, das die höhere Leistung ohne grössere Willensanstrengung ermöglichte».

Wegener, so schreibt Eggers, habe bestätigt, dass auch der Luxemburger Barthel im Zuge der Untersuchung gedopt worden sei.

Pervitin galt seit seiner Entwicklung 1938 als «Wunderdroge». Denselben Ausdruck hört man jetzt wieder in Bezug auf Erythropoietin (EPO), das wiederum durch Freiburger Sportmediziner, Professor Andreas Schmid und Lothar Heinrich, an Mitglieder der deutschen Radequipe Team Telekom seit Mitte der 1990er Jahre verabreicht worden ist.

Die Ärzte selbst haben dies mittlerweile eingestanden, nachdem immer mehr Offenbarungen (NZZ 25. 5. 07) eine erdrückende Beweislage geschaffen hatten. Den beiden Medizinern wurde fristlos gekündigt, und am Donnerstag teilte der Rektor der Universität Freiburg mit, dass jegliche Betreuung von Spitzensportlern am sportmedizinischen Institut des Universitäts-Klinikums bis zur Klärung sämtlicher Vorwürfe ausgesetzt werde.

Diese Massnahme ist eigentlich nur dann sinnvoll, wenn man davon ausgeht, dass in Freiburg die Verabreichung von Dopingmitteln nicht nur dem Fehlverhalten zweier Einzelpersonen zuzuschreiben ist - sondern einem ganzen Institut. Und mit dieser Vermutung liegt man historisch betrachtet vermutlich nicht falsch.

Steroide als willkommene Alternative

Denn mit den fraglichen Vorwürfen werden nur jüngere Details aus einer langen Geschichte der sportmedizinischen Abteilung der Universitätsklinik erfasst. Reindell war der erste Sportarzt, der hier Dopingmittel verabreichte oder verabreichen liess. Aber zwischen diesem ersten sichtbaren Punkt vor über einem halben Jahrhundert und den gegenwärtigen Enthüllungen verläuft ein Band kontinuierlicher Doping- oder Dopingforschungsmassnahmen. Wo diese noch nicht sportrechtlich im engeren Sinne verboten gewesen sein sollten, waren sie doch mit ärztlicher Ethik nicht in Einklang zu bringen. Die Freiburger Universität erwies sich über Jahrzehnte als Schule der Manipulation.

Nachdem das Doping mit Aufputschmitteln in der Folge spektakulärer Todesfälle im Radsport in den 1960er Jahren offenkundig zu gefährlich geworden war, erblickten nicht wenige Mediziner in den regenerationsfördernden anabolen Steroiden eine willkommene, vermeintlich harmlose Alternative.

Herbert Reindells Schüler Joseph Keul, der jahrzehntelang deutsche Olympiamannschaften betreute, machte sich besonders stark dafür. Schon 1970 startete er, unter Mithilfe von Wilfried Kindermann, eine Versuchsreihe, mit der er die angebliche Unschädlichkeit bestimmter Anabolika nachzuweisen versuchte. Weil bei injizierten Anabolika im Gegensatz zu oral verabreichten keinerlei Schädigungen beobachtet worden seien, kam Keul laut einem Tagungsbericht von 1972 zu dem Schluss: «Von medizinischer Seite bestehen gegen die Verwendung dieser Mittel keine Bedenken.»

Ihre Fortsetzung fanden die Plädoyers für Anabolika während der 1970er Jahre im darauffolgenden Jahrzehnt mit Testosteronversuchen im nordischen Skisport, wiederum unterstützt von der Bundesregierung und nach deren eigenem Bekenntnis im Wissen um die Dopingproblematik. Freiburg war ein Zentrum dieser sportrechtswidrigen Gaben von Testosteron. Beteiligt war daran auch der Sportmediziner Ernst Jakob, der an den Olympischen Winterspielen in Turin 2006 in den «Fall Sachenbacher» involviert war. Die deutsche Langläuferin Evi Sachenbacher war damals wegen besorgniserregender Blutwerte mit einer sogenannten Schutzsperre belegt worden.

Im Rahmen einer Gesamtschau des universitären Freiburger Dopingproblems sind allerdings nicht nur die Ärzte oder die sportmedizinische Abteilung in den Fokus zu stellen. Zu fragen wäre ferner, wie es angesichts der über die Jahrzehnte immer wieder erfolgten Enthüllungen um die Wahrung der Aufsichtspflicht der baden-württembergischen Landesregierung bestellt war. Diesbezüglich haben sich kürzlich die Grünen im Landtag an die Regierung gewandt.

Auf dem Spiel stehen auch Fördergelder

Heute stehen nicht nur die entlassenen Ärzte oder das sportmedizinische Institut vor einem Scherbenhaufen. Die Universität Freiburg bewirbt sich derzeit um den Status einer Eliteuniversität. Damit wären für die gesamte Hochschule jährlich mehrere Millionen Euro an Fördergeldern verbunden. Sollte es wegen des Freiburger Dopings damit nichts werden, wäre dies nicht nur ein paar Abweichlern aus der Sportmedizin zuzuschreiben. Man hat sich in Freiburg grundsätzlich viel zu lange mit den falschen Eliten eingelassen.

Der Autor ist diplomierter Sportwissenschafter und arbeitet als freier Journalist und Autor in Mainz.

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