Ergogenics

  [Definitie:] "An ergogenic aid is any substance or phenomenon that enhances performance." (Wilmore and Costill)

  Nieuwsbrief over doping, supplementen, voeding en training

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Eine "Kur", die mit dem Tod enden kann

15.12.2004
Von Florian Ziegler
Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Erst kam Blut aus der Nase, dann folgten Magenschmerzen und eine chronische Gastritis. Mittlerweile kann Jörg Börjesson selbst einen Wasserkasten nicht mehr heben: Der ehemalige Bodybuilder nahm Anabolika. Heute ist er ein körperliches Wrack - davor will er andere bewahren.

Und so zieht der 39-Jährige seit einigen Jahren durch die Republik, hält Vorträge in Schulen, Jugendzentren und Fitnesscentern und erzählt seine Geschichte. An diesem Tag ist die Ruhr-Universität, Seminarraum 3, seine Bühne. Hier sitzen junge Studenten, nicht selten selbst Sportler, und warten neugierig auf den Gast. Eingeladen hat Professor Edgar Beckers, 60, und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Thorsten Wagner, 31, zum Seminar "Doping - Alltagsdoping. Zum Zusammenhang von Sport und Gesellschaft". Ein perfekter Ort für Börjesson, um seine Geschichte zu schildern.

Jörg Börjesson: Voor

Die beginnt immer mit der Zeit, als er 19 Jahre jung war. Vitaminpräparate, Eiweißprodukte kannte der schmächtige Junge aus Dorsten, der seit einem Jahr Fitnesstraining machte, bereits. Er wollte mehr, wollte Bodybuilder werden, Pokale und Meisterschaften gewinnen.

Jörg Börjesson: Voor

Irgendwann schenkte ihm eines seiner "Idole" die ersten weißen Pillen. Von nun an dopte Börjesson, was als "Kur" in der Szene bezeichnet wurde. Für bis zu 500 Mark im Monat, bis zu 10 kleine weiße Pillen am Tag. Meist war es Testosteron. Fünf Jahre trainierte der Kraftsportler wie ein Besessener, isolierte sich von seiner Umwelt und lebte nur noch für den Sport.

Dann kam der Tag, als im Training Blut aus der Nase schoss,
Jörg Börjesson: Na
der Magen rebellierte und ihm Brüste wuchsen, Körbchengröße A, vielleicht auch mehr. Er verdrängte es. Irgendwann wurde Börjesson klar, dass er medikamentenabhängig war. Das Doping hatte seinen Körper zerstört. Er fiel in ein Loch, wurde depressiv und verlor seinen Job.

Heute kann der Dorstener keinen Kaffee mehr trinken und nichts Scharfes mehr essen. Regelmäßige Kontrollbesuche beim Arzt sind längst Routine geworden. Vor drei Jahren ließ er sich seine durch die Anabolika gewachsenen Brüste entfernen, nachdem sein dreijähriger Sohn gefragt hatte. "Papa, bist du ein Mann oder eine Frau?". Das war der Zeitpunkt, als er beschloss zu kämpfen und aufzuklären - gegen alle Widerstände. Seine ehemaligen Vorbilder, Bodybuilder wie Andreas Münzer oder die amerikanischen Brüder Mike und Ray Mentzer sind längst verstorben. Nur drei von zahlreichen Anabolika-Toten.

Mit Helfern betreibt Börjesson das "Dopingfreie Zentrum" (www.doping-frei.de) und schreibt an einem Buch, das im nächsten Jahr erscheinen wird. Vom Erlös will er sich einen Bus mieten. "Eine Tour durch ganz Deutschland" ist sein Ziel, um vor den Gefahren des Dopings zu warnen. Dort, wo er die Freizeitsportler am besten erreichen kann: In Schulen, Fitnesscentern und Jugendzentren.

[Link]
Artikelen over Jörg Börjesson zelf vind je [hier].

"Wer Muskeln will, wirft eine Pille ein"

Doping ist nicht nur im Spitzensport verbreitet. Schon Jugendliche in Sportstudios greifen zu Anabolika

von Heike Vowinkel
Die Welt am Sonntag
22. August 2004

Als Thomas anfing, die Pillen zu schlucken, dachte er nur an die Muskeln und das breite Kreuz, die er bald haben würde. Knapp 18 Jahre alt war er damals. Als er eineinhalb Jahre später damit aufhörte, dachte er nur noch an seine Brüste. Die Warzen waren geschwollen, schmerzten, und darunter spürte er Verdickungen, von denen er ahnte, dass es Knoten sein könnten. Heute, mit 25, wünscht er sich nur noch, diese Brüste loszuwerden.

Eineinhalb Jahre lang hat Thomas Anabolika, also Hormon-Präparate, geschluckt und sich in die Oberschenkel gespritzt. Er hat seine Muskeln mit Testosteron aufgepumpt, mit Anabolika wie Stanozol, das einst dem Spitzensportler Ben Johnson zum Verhängnis wurde, und Strambon, das die Siebenkämpferin Birgit Dressel einnahm, die 1987 infolge von Doping-Konsum starb. Für ihn waren es Präparate wie Vitamintabletten oder andere Nahrungsergänzungsmittel. Dass er schweren Medikamentenmissbrauch beging, merkte er erst, als seine Brüste wuchsen.

Doping im Spitzensport sorgt regelmäßig für Schlagzeilen - besonders, wenn bedeutende Wettkämpfe stattfinden wie jetzt die Olympischen Spiele. Doping im Freizeitsport findet dagegen kaum öffentliches Interesse, obwohl es Experten zufolge nicht weniger verbreitet ist. Mit Sorge beobachten sie, dass vor allem unter Jugendlichen die schnellen Muskelmacher immer beliebter werden.

Schätzungen zufolge soll jeder zehnte jugendliche Kraftsportler zu Pille und Spritze greifen. Genaue Zahlen gibt es nicht.

Der Mediziner Carsten Boos von der Universität Lübeck hat vor vier Jahren die bislang einzige deutsche Untersuchung über Doping im Freizeitsport durchgeführt. 22 Prozent der in kommerziellen Sportstudios befragten Männer und acht Prozent der Frauen gaben damals an, anabol wirkende Substanzen einzunehmen. Boos schätzt, dass es mindestens 300 000 Anabolika-Konsumenten in Deutschland gibt. Damals waren acht Prozent der Untersuchten unter 18 Jahre. "Die Szene ist eine eingeschworene Gemeinschaft. Kaum einer will sich outen, zumal viele Konsumenten gleichzeitig Dealer sind", beschreibt Boos die Probleme der Forschung. Außerdem mangele es an öffentlichem Interesse. "Wir sind eine Drogengesellschaft. Wer Kopfschmerzen hat, wirft eine Tablette ein. Wer dicke Muskeln will, eine Pille."

So selbstverständlich erschien das auch Thomas lange Zeit. Groß, schlank und athletisch ist er, auf seinem muskulösen rechten Oberarm prangt ein Tattoo - er wirkt stark, manche würden sagen cool. Das war nicht immer so. In der Pubertät hielt sich Thomas für zu schmächtig. Dabei wollte er muskulös und kräftig sein, auch um die Mädchen zu beeindrucken. Egal, wie viel er aß, egal, wie oft er Hanteln stemmte, das Kreuz wollte nicht breit, die Muskeln wollten nicht dick werden. Er ging in ein Fitnessstudio, fünfmal in der Woche, doch die Statur der Typen mit den dicken Oberarmen bekam er einfach nicht. Also frage er sie: "Wie macht ihr das?" Sie gaben ihm ein Pillenglas für 100 Euro, "Thais" nannten sie die kleinen Kügelchen. Er sollte mit einer täglich beginnen, irgendwann nahm er sechs. Acht Wochen dauerte so eine "Kur", danach pausierte er zwei bis drei Monate, bevor er die nächste mit stärkeren Mitteln begann. Auch von Trainern bekam er die Präparate. Irgendwann fing die Sache mit den Brüsten an. Gynäkomastie nennen Mediziner es, wenn sich Anabolika im Stoffwechsel zu weiblichen Hormonen umwandeln und diese die Brust wachsen lassen.

Erst war es eine Empfindlichkeit der Brustwarze, dann wuchs sie und schmerzte. Im Studio bekam er ein Mittel dagegen, das Tamoxifen heißt. Doch auch das half nicht. Erst viel später erfuhr er, dass es sich dabei um ein starkes Brustkrebs-Medikament handelt. Als die Angst immer größer wurde, hörte Thomas mit den "Kuren" auf. Doch die Brust bildete sich nicht zurück. Es hat lange gedauert, bis er sich anderen anvertraute. Nur die engsten Freunde und Eltern sind eingeweiht. Erst seit kurzem geht er zu Ärzten - und nicht allen erzählt er von seinem Anabolika-Konsum.

Thomas, der in einem Elektro-Betrieb arbeitet, sitzt in einem Café in Duisburg, um sich mit Jörg Börjesson zu treffen. Von ihm erhofft er sich Hilfe. Denn Börjesson ist einer der wenigen, die nicht nur wissen, was Thomas durchmacht, sondern darüber auch reden. Vor zwei Jahren hat er sich die Brüste operieren lassen. 400 Gramm Gewebe wurden herausgeschnitten - mit Verdacht auf Brustkrebs.

Börjesson, 38, hat fünf Jahre lang selbst Anabolika geschluckt (siehe Kasten), bis sein Körper so kaputt war, dass er aufhören musste. Heute kämpft er dafür, dass Jungen die Nebenwirkungen der Mittel kennen, die sie schlucken und sich spritzen, und am besten erst gar nicht damit anfangen. Er hat die Initiative "Dopingfreies Zentrum" gegründet und geht gemeinsam mit dem Kölner Psychologen Werner Hübner in Schulen, Jugendzentren und Studios, um aufzuklären. Er nennt sich selbst einen "Präventologen".

Werner Hübner hat eine Theorie dafür, warum Anabolika für junge Männer zur Sucht werden. "Wer wenig Selbstbewusstsein hat, sich schlecht behaupten kann, keine Perspektive auf Job oder Anerkennung hat, für den wird die eigene Hülle mit viel Muskeln zum Schutz und Ersatz-Selbstbild." Doch da die Muskeln weniger antrainiert sind als durch Präparate aufgebaut, schwindet ein Teil wieder, sobald die "Kur" endet. So beginnt die Abhängigkeit, die einer Sucht ähnelt. Eltern bekommen davon noch viel später etwas mit als bei anderen Drogen. "Die sind froh, dass ihr Junge nicht auf der Straße rumhängt, stattdessen scheinbar etwas für seine Gesundheit tut - darum wundern sie sich nicht über die schnell wachsenden Bizepse", sagt Hübner.

Obwohl die meisten Präparate in Deutschland verschreibungspflichtig sind, wenn überhaupt zugelassen, ist es für Jugendliche nicht schwer, sie zu bekommen. Das hat auch Michael Sauer, zuständig für Dopingaufklärung am Institut für Biochemie der Sporthochschule Köln, beobachtet. "Die meisten kommen aus der Türkei, wo sie ohne Rezept in Apotheken erhältlich sind", sagt Sauer. Aber auch aus den USA und über das Internet lassen sich Anabolika problemlos beziehen. Der Handel lohnt sich zudem: Von 150 bis 1000 Euro rangieren die Preise für eine "Kur" mit mehreren Präparaten.

Auch Sauer geht in Jugendzentren und Schulen, um über die Folgen von Doping und Alternativen aufzuklären. In einem Pilotprojekt versucht er nun herauszufinden, wie verbreitet Anabolika-Konsum unter Kölner Jugendlichen ist. Er geht davon aus, dass Haupt- und Berufsschüler stärker betroffen sind als andere. "Sie glauben, mit Muskeln in bestimmten Kreisen wie etwa der Türsteherszene besser anzukommen."

Von einer "tolerierten Kriminalität" spricht der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke. Er ist einer der bekanntesten Doping-Experten für den Spitzensport in Deutschland. Franke beklagt, dass trotz der Verschärfung des Arzneimittelgesetzes 1998, das die Abgabe von Dopingmitteln an Jugendliche mit Freiheitsstrafen von bis zu zehn Jahren ahndet, der Androhung viel zu selten Taten folgten. "Der Anabolika-Missbrauch wird als Kavaliersdelikt gesehen." Dabei sind die Nebenwirkungen enorm. Immer öfter wird Franke von Ärzten angerufen, die ihm von jugendlichen Patienten mit Herz- und Leberschäden berichten. Akne, Bluthochdruck, Hodenkrebs, Depressionen, Herzinfarkt und Impotenz stehen ebenfalls auf der Liste möglicher Nebenwirkungen. Gefährlich ist vor allem ein Mix von Präparaten, der jedoch unter Anabolika-Konsumenten verbreitet ist.

Viele der auf dem Schwarzmarkt besorgten Anabolika sind zudem gestreckt und mit anderen, teils giftigen Stoffen verunreinigt. Was genau sie enthalten, ist oft unbekannt. Franke weiß von einem Heidelberger Sportstudio, in dem anabole Präparate aus der Tiermedizin abgegeben wurden, weil diese leichter erhältlich sind.

Thomas spürt ab und zu Stiche in Herz und Leber. Er verdrängt es und sagt, "nach einer Woche ist das wieder weg. Kann ja auch andere Ursachen haben." Wichtiger sind ihm jetzt erst einmal seine Brüste. Über Jörg Börjesson hat er Kontakt zu Chirurgen aufgenommen, die sie operieren könnten. Doch gerade hat ihm seine Krankenkasse geschrieben, dass sie die Kosten nicht übernehmen wird. Der Eingriff ist für sie ein schönheitschirurgischer. Dass die Gefahr von Brustkrebs droht, wird angezweifelt, ebenso, dass er psychisch unter den Brüsten leidet.

Jörg Börjesson kennt das schon. "Für die sind wir selbst schuld an den Nebenwirkungen", sagt er. Börjessons Operation kostete fast 4000 Euro. Die Klinik erließ einen Teil, den Rest zahlte er selbst. Langsam dämmert auch Thomas, dass der Preis für Muskeln und ein breites Kreuz sehr hoch ist.

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