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2 9 - 1 1 - 2 0 0 4 Propaganda mit Goldmedaillen
Der Journalist Filippos Syrigos, der einen Mordanschlag überlebte, über die Hintergründe des griechischen Dopingsystems
Samstag, 27. November 2004
ATHEN, 26. November. Die Empörung über den tückischen Mordanschlag auf Filippos Syrigos, einen der profiliertesten Sportjournalisten, ebbt in Griechenland nicht ab.
Am 18. Oktober traktierten zwei Unbekannte, ihre Gesichter hinter Motorradhelmen verbergend, den 55-jährigen Sportchef der angesehenen Athener Tageszeitung Eleftherotypia am hellichten Tage vor einem Radiosender mit einer Eisenstange und rammten ihm vier Mal ein Messer in den Rücken. Im Interview spricht Syrigos über den Anschlag, über Doping in seiner Heimat und das Jahr der Griechen mit dem Triumph bei der Fußball-Europameisterschaft und den Olympischen Spielen in Athen.
Herr Syrigos, was interessiert Sie am Sport? Mich interessiert die Substanz der Dinge. Es ist unwichtig, wer schneller rennt als der andere, den Ball ins Tor kickt oder die Meisterschaft erringt. Mich interessiert die gesellschaftliche Dimension des Sports. Und wie Personen den Sport benutzen, um andere Ziele zu erreichen. Leider gibt es dazu sehr viele Beispiele in Griechenland.
Seit wann beschäftigen Sie sich mit dem Thema Doping? 1980 habe ich anlässlich der Olympischen Spiele in Moskau einen Artikel geschrieben, in dem ich die Ansicht vertrat, die Heuchelei müsse endlich aufhören. Ich schlug vor, bei der Siegerehrung sollen doch neben den Athleten auch die Ärzte, Biologen, Apotheker und Krankenschwestern auf das Podest steigen. Mit ihrer gesamten Ausrüstung, mit allen Spritzen. Damit der Betrug ein Ende findet.
Wann hielt das Doping Einzug in Griechenland? Wie alle Dinge später als anderswo. Doch dann geriet es zur Seuche. Schon in den Siebzigerjahren gab es Gerüchte. Athleten starben auf mysteriöse Art und Weise. Um aber nicht um den heißen Brei herum zu reden: Als Christos Tsekos (Trainer des Sprinters Kostas Kenteris/d. A.) in Erscheinung trat, nahmen die Dinge glasklare Formen an. Dazu kam die Präsenz von Christos Iakovou als Nationaltrainer im Gewichtheben. Tsekos und Iakovou arbeiteten zusammen. Daran gibt es keinen Zweifel. Die Sprinterin Ekatherini Thanou trainierte parallel auch mit Iakovou. Nicht nur sie, auch andere.
Schützte die Politik Tsekos? Tsekos kontrollierte den nationalen Leichtathletikverband Segas. Wollte der Segas-Chef den Sportminister Lianis sehen, vereinbarte Tsekos den Termin. Tsekos pflegte also direkten Kontakt mit der politischen Führung. Tsekos versprach und garantierte auf gewisse Weise Goldmedaillen. Das forderten der griechische Sport, die griechischen Politiker. Zur Propaganda.
Für das "starke Griechenland", wie es in der Politikersprache heißt. Ja, für das Griechenland, das überall gewinnt. Die Marschrichtung war klar: Wir alle haben uns auf die "große Idee" zu konzentrieren. Ohne Kritik, Widerspruch, Dialog. Nach der Vergabe der Spiele 2004 schrieb auch IOC-Präsident Samaranch uns ins Stammbuch: Gewinnt Medaillen, damit die Spiele gelingen! Wie sollte das geschehen?
Kann man heute im Hochleistungssport ohne Doping gewinnen? Hier bot sich Tsekos die goldene Chance. So kassierte er das Geld. Daher ging er bei Ministern ein und aus und hatte die Frechheit, den "Plan Koroivos", also Staatsgelder für die Olympia-Vorbereitung von griechischen Athleten mit Verabreichung von Doping-Mitteln, nicht nur hier, sondern auch auf Zypern vorzulegen. Dem Parlamentsausschuss für Bildungsfragen sagte Tsekos klipp und klar: Ihr müsst verstehen, wollen wir Gold, passieren eben solche Dinge. Mit anderen Worten: Ich dope. Was tat der Staat, was tat die Regierung? Sind sie nicht der Anstifter für das Doping? Wenn der Staat für die Goldmedaille über 150 000 Euro auslobt, den Athleten Anstellungen beim Heer, bei der Luftwaffe verschafft, ist das eine Ermunterung zum Dopen. Keine Ermunterung, sondern ein Anreiz. Bietest du das, hat der andere nur ein Mittel: Er dopt.
Ist das Staatsdoping? Das Modell des staatlichen Sportwesens im früheren Ostblock wurde zum Teil kopiert. Im Vergleich zur Bevölkerungszahl sind die Ausmaße hier viel größer.
Erklärt dieses Dopingsystem die sportlichen Erfolge Griechenlands? Gegenfrage: Wie würden Sie das erklären?
Ist Griechenland ein Import-, Transit- oder Produktionsland für Dopingmittel? Die Sache begann mit Importen. Tsekos kooperierte mit technologischen Instituten in den USA. Mein Kenntnisstand ist: Tsekos informierte über die Mindestanforderungen des Athleten. Im Gegenzug bekam er Methoden und die Dosis mitgeteilt. Zur Frage der Produktion: Vor zwei, drei Jahren entdeckte man in Korinth eine Fabrik zur Anabolika-Produktion. Die Sache kehrte man unter den Teppich. Der damit befasste Polizist wurde versetzt, weiß der Teufel wohin. Zudem erfuhr ich aus sicherer Quelle, einige Trainer in Griechenland seien jetzt im Doping autark. Ob das automatisch die Produktion verbotener Substanzen beinhaltet oder nur eine optimierte wissenschaftliche Begleitung der Sportler, weiß ich nicht. Im übrigen: Wenn ein Land in der Lage ist, einen Kenteris zu präsentieren und die Welt zu narren, ist es logisch, dass dieses Land auch die Fußball-Europameisterschaft gewinnen kann.
Wollen Sie damit etwas andeuten? Ich weiß nicht, ob das Andeutungen sind. Noch einmal: Es ist logisch, dass ein Land, das über einen Kenteris verfügt, auch über eine Fußballmannschaft verfügt, die die Europameisterschaft gewinnen kann und gewinnt.
Wie beurteilen Sie die Reaktionen in Griechenland auf die Dopingaffäre Kenteris/Thanou/Tsekos? Die Griechen sind merkwürdig. Sie haben bei den Erfolgen von Kenteris zwar gejubelt. Sie fragten sich aber: Meinst du, er ist ein Doper? Der Grieche ist latent misstrauisch. Als das mit Tsekos losging, konnten die Leute das zunächst aber nicht glauben. Der fatale Fehler, der fingierte Motorradunfall, brachte die Leute dann allerdings auf die Palme. Sie gewannen den Eindruck, für dumm verkauft zu werden. Ohne diesen Unfall hätten Kenteris und Thanou in den Augen der Offentlichkeit rehabiliert werden können. Dann hätte es geheißen: Die Welt verschwört sich gegen die Griechen. Amerikaner, Deutsche, Australier, Schweden, Briten, die CIA, der KGB, sonst wer. Der Unfall war der fatale Fehler.
Wird der spektakuläre Dopingfall, der im Frühjahr vor Gericht verhandelt wird, die Mentalität hier zu Lande positiv beeinflussen? Nein. Es geht genauso weiter.
Wird der Mordanschlag Ihre Arbeitsweise verändern? Dann könnte ich gleich meinen Beruf an den Nagel hängen. Das wird nicht passieren.
Kostas Kenteris schickte Ihnen nach dem Anschlag Blumen? Ich kann nicht im Entferntesten daran denken, dass die beiden Athleten irgendetwas damit zu tun haben. Das heißt aber nicht, dass ich automatisch Tsekos in Verdacht ziehe. Meine Enthüllungen haben aber eventuell Personen aus diesem Umfeld auf den Plan gerufen, die ich gar nicht kenne oder mir nicht vorstellen kann, dass sie damit in Zusammenhang stehen.
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