Ergogenics

  [Definitie:] "An ergogenic aid is any substance or phenomenon that enhances performance." (Wilmore and Costill)

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Die Aufrüstung des Körpers

Von Volker Caysa
Die Wochenzeitung
9. September 2004
www.woz.ch

Süchtige von heute sterben nicht mehr blass und abgemagert, sondern in Schönheit und an einem Übermass an Muskelzüchtung. Gedopte SportlerInnen sind die Vorboten einer technikbesessenen Körper-Avantgarde.

Die grosse Utopie, Herr über den eigenen Körper zu sein, indem man ihn selbst herstellt, und die damit verbundene Revolution des Körperumgangs scheinen im Sport Wirklichkeit zu werden. Im Sport spielt sich, von uns unbemerkt, eine Körperrevolution ab.

Denn durch Dopingskandale im Hochleistungssport wird in kleinen Ausschnitten sichtbar, was eine industrielle Züchtung und Aufrüstung von Körpern, die schon längst Eingang in den Alltag der Fitness-, Bodybuilder- und Lifestylebewegung gefunden hat, für Wirkungen haben kann. Es ist ein Irrtum anzunehmen, Doping sei nur ein Problem des Hochleistungssports. Mit der wachsenden Mitgliederzahl von Fitnessstudios wächst auch die Zahl der AmateurInnen, die sich dopen und die nicht wie Profi-Bodybuilder bei Schauwettkämpfen glänzen, sondern einfach «gut aussehen» wollen.

Schneller, schöner, geiler

Es zeigt sich, wie eine bestimmte Ästhetik der Machbarkeit und machbaren Verschönerung normativ wirkt: Alle wollen sportiv und gut aussehen, weil sie es als schön empfinden und weil sie es können. Versuchen sie es nicht, provozieren sie nämlich die Frage, warum sie das Machbare nicht unternehmen, sondern sich «gehen» lassen.

Man muss aber nicht nur sportlich und gesund sein, sondern vor allem gesund und sportlich aussehen. Das «Schneller - Höher - Weiter» ist nicht von einem «Schneller - Schöner - Geiler» zu trennen. Die Selbststilisierung der Topathleten im 100-Meter-Sprint oder der Aufstieg des Beachvolleyballs zur olympischen Sportart belegen diese Tendenz.

Die Ästhetik machbarer Schönheit ist nicht von der Industrialisierung idealer Körperbilder zu trennen. Immer mehr Menschen versuchen sie nachzuahmen, durch Bodybuilding im weitesten Sinne, aber auch durch die boomende plastische Chirurgie und Doping. Der schöne Körper realisiert scheinbar endlich den Traum vom eigenen Selbst, sobald wir unsere Einbildungen von idealer Schönheit am eigenen Körper technologisch umzusetzen vermögen.

Er wird zu einem Luxuskonsumgut, mit dem man, wie bei Markenkleidung, Markenuhren, Markenautos, seine Wünsche, Träume, Sehnsüchte nach einem schönen Leben erfüllt. Der gedopte Athlet erscheint in diesem Kontext nur als Vorbote einer technikbesessenen Körper-Avantgarde, die endlich die Mängel des Naturkörpers überwindet, indem dieser hochtechnisch nachgerüstet und verbessert wird.

Diese Körpertechnologisierung wird nun zu einer Technologie für immer mehr Menschen. Anabolika galten daher für Insider schon längst als das Heroin der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts - sie waren und sind über einen Schwarzmarkt relativ leicht erhältlich. Der Abhängige von heute stirbt nicht mehr blass und abgemagert, sondern in Schönheit und an einem Übermass an Muskelzüchtung.

Auch wenn heute noch eine Mehrheit von Menschen in Europa Doping ablehnt, so könnte die öffentliche Meinung in Bezug auf das Dopingverbot im Sport in dem Masse umschlagen, in dem sexuelle Dopingmittel wie Viagra den Einzelnen am eigenen Leibe erfahren lassen, dass Doping die Lebensqualität zu verbessern vermag.

Dann könnte es dazu kommen, dass Doping in bestimmtem Masse auch im Hochleistungssport legalisiert und schliesslich (in Grenzen) zu einer für alle legitimen Körpertechnologie erklärt wird, wie dies ja de facto schon längst mit Viagra geschehen ist.

Eine Liberalisierung der Dopingbestimmung hätte zur Voraussetzung, Dopingpräparate (wie Viagra) zu erfinden, die einen eindeutigen Nutzen für die kontrollierte Gesundheit und die Lebensqualität der Einzelnen haben und die von allen angewandt und erworben werden könnten.

Dann vielleicht sind grosse Teile der Bevölkerung bereit, Doping als legale Therapie anzuerkennen, weil sie es auch für sich als nützlich, das heisst als gesundheitsfördernd, leistungs- und lebensqualitätssteigernd akzeptieren würden. Wenn es um ein «gutes Leben» geht, ist in unserer Gesellschaft fast alles erlaubt.

Das Beispiel Viagra bestätigt dies längst. Analog zum Diskurs über Drogen oder über Onanie und Prostitution geht es auch beim Doping um die Legalität oder Illegalität von Körperinstrumentalisierungen, es geht um die Fragen, was ein normaler und unnormaler Körpergebrauch, was eine natürliche und unnatürliche Körperleistung, was dem Körper eigen oder nicht eigen ist.

Der Anfang diesen Jahres tot aufgefundene Radprofi Marco Pantani galt auf seinem Gebiet als aussergewöhnliches Naturtalent, und trotzdem dopte er sich mit Wachstumshormonen. Diese Technik gehörte für ihn anscheinend selbstverständlich zur Freiheit seines Körpergebrauchs. Denn ansonsten wäre nicht zu erklären, warum er sich vom italienischen und französischen Staat sowie von Dopingkontrolleuren als zu Unrecht verfolgt und kriminalisiert wahrnahm.

Das Recht, sich zu schaden

Implizit ging Pantani, wie viele Menschen, die Drogen oder Viagra benutzen, davon aus, dass man ein Recht auf die absolute Verfügungsgewalt über den eigenen Körper hat, das durch niemanden eingeschränkt werden darf.

In dieser Variante der Freiheitsauffassung wird nur die aus der Drogen-, Abtreibungs- und Prostitutionsdebatte bekannte Forderung variiert, dass jeder Mensch das prinzipielle Recht besitze, mit dem eigenen Körper unbeschränkt zu machen, was er wolle.

Die Debatte um einen von den Individuen selbst bestimmten Organhandel, um Formen der Körpernutzung durch andere, wie es in der Leihmutterschaft geschieht, oder um selbstbestimmten Körperumbau durch plastische Chirurgie radikalisiert dieses Problem nur. Dahinter steht die Auffassung, dass es ein Recht auf absolute Verfügungsgewalt über den eigenen Körper gibt und, davon abgeleitet, ein Recht auf unbegrenzte Körperinstrumentalisierung, inklusive des Rechts auf selbstbewusste Schädigung des eigenen Körpers.

Demnach hätte jeder das Recht, mit seinem Körper zu machen, was er will, zum Beispiel um sich beruflich voll zu entfalten, solange er keinen anderen schädigt, sondern nur sich selbst.

Hier stellt sich nicht nur die Frage, wie weit das Recht auf berufliche Selbstentfaltung mit dem Recht auf Selbstschädigung verknüpft werden darf, sondern auch die, wie weit die Freiheit des Gebrauchs des eigenen Körpers gehen darf oder ob die Freiheit des Körpergebrauchs selbst übergreifenden Rechten unterworfen werden sollte, um unter anderem zu verhindern, dass die freiwillige Selbstschädigung der einen die Selbstschädigung der anderen erzwingt und so andere durch den Gebrauch der eigenen Freiheit geschädigt werden.

Die Frage ist mehr als berechtigt, denn ein Ende der Dopingspirale ist mit den traditionellen, repressiven Methoden nicht zu erreichen. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass alles, was in der modernen Reproduktions- und Transplantationsmedizin entwickelt wird, alles, was moderne Gentechnik ermöglicht, wohl auch im Sport verwendet werden wird.

Nicht anders verhält es sich bei den neuesten Designerdopingmitteln. Man könnte auf die Idee kommen, die Probleme des nahezu altertümlich erscheinenden jetzigen Anabolika- und Wachstumshormondopings zu vermeiden, indem durch gentechnische Manipulation Superathleten für die jeweiligen Sportarten erzeugt würden.

Der geklonte Athlet brauchte keine anabolen Steroide, Wachstumshormome und kein fetales Gewebe, um die Mängel seiner Natur auszugleichen, denn er hätte keine Mängel «von Natur aus» mehr. Der Modellathlet der Zukunft würde dann nicht mehr per Zufall gezeugt, sondern er würde entsprechend den gewünschten Eigenschaften entworfen. Damit würde die alte Unterscheidung von natürlicher und künstlich erzeugter Leistungsfähigkeit, die unserem gesamten gegenwärtigen Dopingdiskurs zugrunde liegt, gegenstandslos werden.

Von der Tiermast zum Sport

Da es an Mäusen gelungen ist, gentechnisch den Muskelquerschnitt durch Ausschluss eines bestimmten hemmenden Gens um ein Vielfaches zu erhöhen und nicht für möglich gehaltene Muskelmäuse zu erzeugen, wird man auch versuchen, spezifische Muskelgruppen an spezifischen Sportlertypen zu züchten.

Wenn Wilhelm Schänzer, Leiter des Kölner Dopinglabors, einmal feststellte, «dass alles, was für die Tiermast entwickelt wurde, irgendwann auch im Sport landet», dann beschreibt dieser Zynismus nicht eine Ausnahme von der Regel, sondern die Regel selbst.

Die Dopingskandale mit anabolen Steroiden und neuerdings mit Wachstumshormonen liegen nicht ausserhalb der Logik des modernen Sports und der modernen Körperkultur, sondern entsprechen ihrer Tendenz industrieller Perfektionierung und Effektivierung der Produktion hochleistungsfähiger Körper.

Die funktionale Abhängigkeit von Körpertechnologie und Sport führt nicht nur zu einer Säkularisierung des Körperumgangs, sondern auch zur Industrialisierung des Körpers. Damit wird die Vorstellung von der Gott- oder Naturgegebenheit des Körpers (und des Geschlechts), die noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wesentlich das ausmachte, was man unter einem sportlichen Talent und seiner natürlichen Leistungskraft verstand, grundlegend zerstört.

Nun könnte man einwenden, dies sei doch gut so, denn diese Vorstellung sei stets eine gesellschaftlich erzeugte Fiktion gewesen. Doch sind wir jetzt in eine Phase eingetreten, in der uns klar wird, dass durch die Aufklärung der vermeintlichen «Heiligkeit», «Göttlichkeit», «Naturgegebenheit» des menschlichen Körpers auch eine Ethik der Unantastbarkeit, des Lassens bestimmter Manipulationen mit dem Leib verloren geht, die uns zumindest partiell vor dem unberechenbaren technischen Umgang mit dem Körper schützte.

Die mit dem Doping verbundene Krise des Hochleistungs- und Berufssports ist nur ein erstes Anzeichen einer möglichen bioethischen Krise, die aus der technologischen Revolutionierung des Körperumgangs des Menschen resultiert.

Weil sich das Doping «demokratisiert», stellt diese technologische Revolution unsere Vorstellungen von der körperlichen Natur des Menschen überhaupt in Frage. Sicher: Die Freiheit des Körpergebrauchs gehörte wesentlich zur Emanzipationsphilosophie des modernen Sports. Aber darf die freie Nutzung des Körpers so weit gehen, dass sich die Individuen selbst in die Sklaverei führen und den freien Gebrauch ihres Körpers dazu benutzen, ihre Freiheit prinzipiell in Frage zu stellen?

Die Grenze der Körperausbeutung sollte, wie im Sport, so auch in unserer gesamten Körperkultur, darin bestehen, dass die Grundlagen der persönlichen Freiheit nicht aufgehoben werden und Menschen weder durch andere noch durch sich selbst versklavt werden dürfen.

Der ökologische Körpervertrag

Das Interesse, die Bedingungen der Möglichkeit einer freien Existenz dauerhaft und Generationen übergreifend (und in diesem Sinne nachhaltig) zu wahren, veranlasst uns in diesem Kontext zu der Idee, den Körper so zu behandeln, als ob er Eigenrechte an sich hätte, obwohl er diese Rechte an sich nicht hat, sondern nur durch uns.

Diese interessegeleitete Als-ob-Annahme von Rechten des Körpers ist die mögliche Grundlage für einen ökologischen Körpervertrag, mit dem wir uns selbst verpflichten könnten, uns nicht in unseren leiblichen Existenzbedingungen zu zerstören, und in dem wir folglich vereinbaren, bestimmte Körperinstrumentalisierungen zu unterlassen.

Im Doping des Sports fokussiert sich eine fatale Illusion des beginnenden biotechnischen Zeitalters: die Illusion, einen Körper willkürlich zu dem machen zu können, was man will.

Das massenhafte, von allen grossen Sportnationen systematisch betriebene Doping ist insofern nur Ausdruck dafür, dass die traditionelle Ethik der Unantastbarkeit des Körpers grundlegend durch die erst beginnende biotechnologische Revolution widerlegt wird. Das Doping des Hochleistungssports führt uns vor Augen, wohin eine solche Körperindustrialisierung, wird sie von allen praktiziert, de facto führen kann: zur Umwertung aller Werte, die bislang hinsichtlich des Umgangs mit unserem Körper galten.

Volker Caysa ist Philosoph und Autor des Buches «Körperutopien. Eine philosophische Anthropologie des Sports», Frankfurt/Main 2003.

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