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1 5 - 1 0 - 2 0 0 5 Immer mehr gefälschte Medikamente
Gefahr: Apotheker warnen. Hamburg ist eine der Drehscheiben. Deutsche kaufen vor allem Viagra und Anabolika.
Hamburger Abendblatt Hamburg - Nach Luxusartikeln, Kleidung und Musik auf CD und DVD haben weltweite Fälscherbanden jetzt zunehmend auch Arzneimittel im Visier. Von Aspirin bis Viagra wird alles nachgeahmt und über dubiose Kanäle vertrieben, was sich mit Gewinn verkaufen läßt. Ärzte, Apotheker, Pharmahersteller und Zollbehörden sind alarmiert: Allein für das vergangene Jahr verzeichneten die Zoll- und Polizeibehörden der Europäischen Union einen Anstieg bei illegal nachgeahmten Medikamenten um 45 Prozent, wie der zuständige EU-Kommissar jetzt mitteilte. "Experten gehen davon aus, daß weltweit bis zu sieben Prozent der gehandelten Arzneimittel gefälscht sind", sagt Rolf Hömke, Sprecher des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller, dem Abendblatt. 70 Prozent der Fälle beträfen Entwicklungsländer. Dort sei teilweise jedes zweite Medikament gefälscht oder wirkungslos. Auf einer Fachkonferenz in Brüssel stellten Gesundheitsexperten kürzlich sogar fest, daß in diversen afrikanischen und asiatischen Ländern bereits mehr gefälschte Arzneimittel im Umlauf sind als Originalpräparate. Hamburg gilt dabei als eine der großen Drehscheiben für den Handel mit gefälschten Medikamenten. "Es sind aktuell vor allem Viagra-Pillen und Anabolika, also Muskel aufbauende Steroide, die wir bei unseren Kontrollen entdecken", sagt Rolf Dütsch, Sprecher der Zollfahndung Hamburg, dem Abendblatt. Dramatisch sei die Entwicklung beim Potenzmittel Viagra: "2003 haben wir 40 000 gefälschte Pillen sichergestellt, im vergangenen Jahr waren es schon 120 000", so Dütsch. Für dieses Jahr rechnet Dütsch mit einer "ähnlich hohen Menge". Die Ware, so der Fahnder, komme "vor allem aus Indien oder über verschlungene Wege aus den USA" per Luftfracht. Viele der Importeure kämen aus Norddeutschland, "aber vieles geht auch ins Ruhrgebiet", sagt Dütsch. Beispiel Viagra: "Das wird bundesweit in Diskotheken gedealt, wie Ecstasy. Die Gewinnspannen sind enorm", weiß der Fahnder. Neu sei die Entwicklung bei den Anabolika. "Da gibt es sogar Großhändler, die die Medikamente über Fitness-Studios vertreiben", sagt Dütsch - und weist auf einen gefährlichen Aspekt hin: "Die gefälschten Anabolika sind zum großen Teil mit Sesam- oder Sonnenblumenöl gestreckt." Insgesamt hätten die Zollfahnder im vergangenen Jahr in Hamburg 1,5 Tonnen Anabolika sichergestellt. Die Zahl der Abnehmer für die Muskel aufbauenden Mittel steige unterdessen: "Es gibt Schätzungen vom Bundesministerium für Gesundheit, wonach es hierzulande schon 200 000 Konsumenten für diese illegalen Anabolika gibt", sagt Dütsch. Ein zunehmendes Problem, da sind sich alle Experten einig, ist der Verkauf gefälschter Arzneimittel über das Internet. Dort sind vor allem sogenannte Lifestyle-Päparate gefragt, also Haarwuchsmittel, Potenzpillen oder Mittel zum Abnehmen und für den Muskelaufbau. Zwar gibt es bislang keine verläßlichen Zahlen für den Verkauf nach Deutschland. Doch in den USA hat der Rechnungshof im vergangenen Jahr eine Studie vorgelegt. Danach waren vier von 21 außerhalb der USA und Kanada zu im Internet bestellten Arzneimitteln gefälscht. Absender waren oft dubiose Anbieter mit unklarer Adresse. "Ich warne dringend davor, aus diesen Quellen zu kaufen", sagt Rainer Töbing, Präsident der Hamburger Apothekerkammer, dem Abendblatt. "Wir haben bei Untersuchungen festgestellt, daß die Präparate zum Teil mit anderen, mit deutlich weniger oder sogar mit gar keinen Wirkstoffen verkauft werden. Und das ist höchst gefährlich." Beispiel Viagra: "Wenn da nur die Hälfte des Wirkstoffes drin ist, nimmt der Anwender beim nächsten Mal die doppelte Menge. Doch das kann tödlich ausgehen, wenn die nächste Pille doch die angegebene Wirkstoffmenge hat", so Töbing. "Das ist ein sehr undurchsichtiger Markt", sagt auch Ursula Sellerberg von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) dem Abendblatt. Auch sie warnt: "Wenn die Ware ohne Beipackzettel im Tütchen kommt, ist es wahrscheinlich einen Fälschung." Immerhin: In Deutschlands Apotheken dürfen Patienten sicher sein, Original-Arzneimittel zu erhalten. "In acht Jahren sind nur 26 Fälschungen bekannt geworden. Bei insgesamt jährlich 1,5 Milliarden abgegebenen Arzneimitteln ist das eine verschwindend geringe Zahl", sagt ABDA-Sprecherin Sellerberg. |
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